Im Städtchen Montelupo Fiorentino liegt der Duft von gebranntem Ton in der Luft. Seit Jahrhunderten gilt der Ort als unbestrittenes Zentrum der italienischen Majolika-Kunst, in dessen Werkstätten altes Handwerk von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Zwischen engen Gassen, historischen Brennöfen und kunstvoll bemalter Keramik entstand im Sommer 1978 eine Geschichte, die bis heute fortgeschrieben wird.
Drei junge Keramiker – Ivo, Mauro und Alberto – verband die Leidenschaft für ein Handwerk, das in der Toskana tief verwurzelt ist. Gemeinsam gründeten sie eine kleine Werkstatt und schufen aus den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen den Namen IMA. Was einst mit viel Idealismus und handwerklichem Geschick begann, entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer der letzten verbliebenen Töpfereien der Region, in der Vasen, Schalen und Leuchten noch immer vollständig von Hand entstehen. Jedes Stück trägt die Handschrift seiner Schöpfer und erzählt ein Stück jener toskanischen Lebensart, die in Montelupo Fiorentino seit Jahrhunderten zu Hause ist.

Eine Gründerlegende aus Ton und Vertrauen
Der 1. Juni 1978 markiert den offiziellen Beginn einer Reise, die eindrucksvoll zeigt, welche Kraft in echter Kollegialität und gemeinsamer Leidenschaft steckt. Ivo, Mauro und Alberto waren keine Geschäftsleute, sondern Handwerker durch und durch. Schon in jungen Jahren entdeckten sie ihre Begeisterung für Ton und die Kunst des Töpferns. Ihre Werkstatt errichteten sie in Montelupo, nur wenige hundert Meter von den Gruben entfernt, aus denen der Ton bis heute gewonnen wird. Die außergewöhnliche Qualität dieses regionalen Rohstoffs wussten bereits die Majolikameister der Medici-Zeit zu schätzen.
Während sich Ivo und Mauro im Laufe der Jahre zunehmend aus dem Tagesgeschäft zurückzogen, führt Alberto das Erbe heute gemeinsam mit rund zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fort. Und was soll ich sagen: Schon bei unserem Besuch wird spürbar, welch eingeschworene Gemeinschaft das Team aus Malern, Formern und Töpfern bildet. Gemeinsam besitzen sie die besondere Gabe, jeder einzelnen Schöpfung ein Stück ihrer eigenen Persönlichkeit mitzugeben.






Der wilde Geist der Form: Verspielte Freiheit
Was Ceramiche IMA von der etablierten Konkurrenz unterscheidet, ist eine geradezu ansteckende Lust am Experiment. Während viele Werkstätten der Toskana in der klassischen Symmetrie verhaftet bleiben, zeichnen sich die Kreationen aus der Manufaktur an der Via Tosco-Romagnola durch eine „fröhliche Missachtung traditioneller Farben und Proportionen“ aus. Vasen im überlebensgroßen Maßstab, die jene Amphoren imitieren, in denen während der Renaissance Wein und Öl gelagert wurden, stehen neben zierlichen Rosenhaltern und filigranen Kerzenständern. Der Übergang vom funktionalen Gebrauchsgegenstand zum ausdrucksstarken Kunstwerk ist bei IMA fließend.

Jedes Objekt beginnt als formbarer Tonklumpen in den Händen eines Handwerkers. Mit geübten Bewegungen entsteht an der Töpferscheibe nach und nach die spätere Form, bevor sie gebrannt, glasiert und schließlich von Hand mit den für Montelupo typischen Dekoren bemalt wird. Das Sortiment reicht von filigranen Kerzenleuchtern und Lampenfüßen über kunstvoll gestaltete Vasen und Blumentöpfe bis hin zu massiven Esstischen – jedes einzelne Stück ein echtes Unikat.
Wer den Kunsthandwerkern bei ihrer Arbeit zusieht, erkennt schnell, dass hier nichts dem Zufall überlassen und doch nichts vollkommen identisch ist. Die sanfte Asymmetrie einer Vase, feine Spuren der Finger im Ton oder eine leicht lebendige Glasur erzählen von der Hand, die sie geschaffen hat. Es sind genau diese kleinen Abweichungen, die den Charakter jedes Werkstücks ausmachen – und die daran erinnern, dass wahre Schönheit oft in der Unvollkommenheit liegt.
Farbrausch und Malerei: Der Pinsel als Puls
Ein eigenes Kapitel verdient die Dekorationskunst, die bei IMA ganze zwölf Arbeitsstunden für ein einziges Stück in Anspruch nehmen kann. Die Maler schöpfen aus einem doppelten Fundus: Sie orientieren sich an den überlieferten Motive der Montelupo-Tradition, brechen sie jedoch bewusst mit zeitgenössischen Einflüssen. Wie unterschiedlich die Handschrift der Manufaktur ausfallen kann, zeigen die Kollektionen „Pompei“ und „Frutta Blu“. Kräftige Rottöne und fruchtige Ornamente verleihen „Pompei“ eine warme, mediterrane Ausstrahlung, während „Frutta Blu“ mit leuchtenden Früchten auf tiefblauem Grund eindrucksvolle Kontraste schafft.

Die Serie „Volti“ (Gesichter) unterstreicht die Authentizität der Manufaktur. Die an der Wand präsentierten Keramikplatten mit ihren Porträts junger Frauen erinnern an expressive Zeichnungen der 1970er Jahre und verbinden zeitgenössische Ausdruckskraft mit traditioneller Handwerkskunst. Durch das Auftragen mehrerer pastoser Farbschichten und wiederholte Brennvorgänge entstehen lebendige Oberflächen, die je nach Lichteinfall immer neue Nuancen und eine besondere räumliche Tiefe offenbaren.
IMA: Rillen, Spiele, Licht
Während IMA vor allem für seine handgefertigten Gefäße bekannt ist, zeigt sich die kreative Vielfalt der Manufaktur auch in einem jüngeren Bereich: der Fliesenkunst. Gemeinsam mit der Manufaktur Dune Ceramics entstanden die IMA-Reliefs, deren besondere Oberfläche mit fünf sanft vertieften Rillen spielt. Je nach Lichteinfall entstehen dabei wechselnde Schattenbilder, die den Fliesen eine lebendige Struktur verleihen und an die Haptik eines fein gewebten Stoffes erinnern.
Die zurückhaltende Farbwelt reicht von zartem Azurblau bis zu warmen Senftönen und macht die Reliefs zu einem besonderen Gestaltungselement für moderne Räume. Sie wirken nicht durch opulente Verzierungen, sondern durch ihre feine Struktur, die dem Material Tiefe gibt und jeder Wand eine ruhige, fast organische Präsenz verleiht. Diese Erweiterung des Sortiments zeigt, wie sehr IMA seine handwerklichen Wurzeln bewahrt und gleichzeitig neue Wege beschreitet. Die Manufaktur verbindet die Erfahrung aus Jahrzehnten keramischer Tradition mit einem zeitgemäßen Verständnis von Raumgestaltung – ohne dabei den Charakter des handgefertigten Unikats gegen die Austauschbarkeit industrieller Massenware einzutauschen.



Vom Arno in die Welt
Die Keramiken von IMA sind längst nicht mehr lokale bekannt. Das Unternehmen exportiert seine Stücke beispielsweise nach Nordamerika, unterstützt von dem bedeutenden US-Importeur Vietri Inc. Und wie könnte es anders sein: Hinter dieser Erfolgsgeschichte steht kein Großkonzern, sondern eine Gruppe leidenschaftlicher Handwerker, die ihre Kreationen auf Bestellung fertigen und dabei jeden einzelnen Gegenstand nach den Wünschen des Kunden personalisieren.
Besonders gefragt sind die meterhohen Vasen in Amphorenform sowie die kunstvoll bemalten Servierplatten, die das toskanische Landhausgefühl auch in urbane Wohnzimmer der Vereinigten Staaten zaubern. Dieser Umstand ist nicht zuletzt der Manufaktur-Philosophie geschuldet. Denn es gibt bei IMA keine Pressformen, keine maschinellen Abziehbilder – stattdessen allein die Ehrfurcht vor dem Material und die Liebe zum malerischen Detail.



Ein lebendes Archiv der toskanischen Lebensart
Ceramiche IMA mag nicht die Pracht einer Bitossi oder die internationale Bekanntheit eines großen Industriebetriebs besitzen, doch genau das ist ihr Sinn. Luxus wird längst nicht mehr Marken und Labels verknüpft, sondern an Echtheit und Herkunft gemessen. Genau dafür steht diese kleine Manufaktur: für das eigentlich Italienische. Sie ist nahbar, unbeirrbar und von einer fast vergessenen Sorgfalt getrieben. Jedes Stück, das den Ofen in Montelupo Fiorentino verlässt, ist ein Unikat – geformt aus den Händen dreier Freunde und ihrer Nachfolger, benetzt mit dem Wasser des Arno und bemalt mit der unbändigen Lust am Ausdruck. In diesen Vasen, Tellern und Wandfliesen stellt sich die Toskana selbst dar: rau, farbenfroh und von einer Schönheit, die einfach so ist wie sie ist.

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