Der Sommer ist die Jahreszeit der Aufbrüche. Flughäfen füllen sich, Züge rollen Richtung Küste, Reiseführer wechseln den Besitzer. Und doch beginnt manche der schönsten Reisen dort, wo man bleibt. Auf dem Balkon, im Gartenstuhl, auf einer Bank im Schatten einer Linde. Wer liest, reist anders. Langsamer. Nachhaltiger. Und oft weiter, als es jedes Flugticket erlauben würde.
Gerade in unserer heutigen Zeit, die von permanenter Erreichbarkeit bestimmt wird, besitzt das analoge Lesen etwas beinahe Anachronistisches. Kein Bildschirm leuchtet, keine Nachricht drängt sich ins Bewusstsein, kein Algorithmus entscheidet über die nächste Aufmerksamkeit. Ein Buch verlangt nur eines: Zeit. Dafür schenkt es jene selten gewordene Konzentration, die Entspannung nicht als Ablenkung versteht, sondern als Vertiefung. Ganz ehrlich, für mich liegt darin das eigentliche Urlaubsgefühl des Lesens. Man verlässt den Alltag nicht durch Ortswechsel, sondern durch einen Wechsel der Perspektive.

Zwei außergewöhnliche Buchtipps für entspannte Lesestunden
Wie unterschiedlich die Wege sein können, auf denen Literatur ihre Leserinnen und Leser aus dem Gewohnten hinausführt, zeigen zwei Neuerscheinungen, die auf den ersten Blick kaum miteinander vergleichbar scheinen: Lilly Hess‘ Kriminalroman „Tote trinken keinen Riesling“ und Stephen Greenblatts kulturhistorische Studie „Dunkle Renaissance“.
Buchrezension: Tote trinken keinen Riesling
Lilly Hess führt ihre Leser in eine Welt, die vertraut wirkt und gerade deshalb ihre Reize entfaltet. Zwischen Weinbergen, Kellern und beschaulichen Ortschaften entwickelt sich ein Kriminalfall, der die Idylle zunehmend infrage stellt. Die Autorin beherrscht die Kunst des Regionalkrimis, ohne in Klischees zu verfallen. Landschaft und Milieu werden, statt einer Kulisse, ein Teil der Erzählung.

Besonders überzeugend ist die Leichtigkeit, mit der Hess Spannung erzeugt. Ihre Figuren besitzen Ecken und Eigenheiten, ihre Dialoge wirken lebendig, und der kriminalistische Plot entwickelt einen Sog, der uns Leser:innen mühelos durch die Seiten trägt. Das Buch möchte unterhalten – und tut dies mit sichtlichem Vergnügen. Gerade für die Sommermonate liegt darin seine Stärke. Es ist jene Art von Lektüre, die man mit an den See nimmt und aus der schnell ein Kapitel mehr wird als ursprünglich geplant.
Titel: Tote trinken keinen Riesling
Verlag: Heyne Verlag, München
ISBN: 978-3-453-44304-4
Erscheinungsjahr: 2026
Autor/in: Lilly Hess
Buchrezension: Dunkle Renaissance
Einen denkbar anderen Zugang zur Welt wählt Stephen Greenblatt. Der Pulitzer-Preisträger ist hinlänglich für seine brillanten kulturhistorischen Analysen bekannt. Diesmal richtet den Blick auf die Schattenseiten einer Epoche, die gewöhnlich als Zeitalter des Aufbruchs und der Humanität gefeiert wird. Seine „Dunkle Renaissance“ erzählt von Gewalt, religiösem Fanatismus, politischer Macht und den Widersprüchen einer Zeit, deren Glanz oft den Blick auf ihre Abgründe verstellt.

Greenblatt schreibt mit jener seltenen Verbindung aus wissenschaftlicher Präzision und erzählerischer Eleganz, die große Sachbücher auszeichnet. Seine historischen Figuren treten nicht als irgendwelche Namen auf, sondern als Menschen ihrer Zeit, gefangen in Konflikten, Hoffnungen und Zwängen. Die Lektüre verlangt Aufmerksamkeit, belohnt diese jedoch mit Einsichten, die weit über die Renaissance hinausreichen. Denn die Fragen nach Macht, Wahrheit und gesellschaftlichem Wandel sind erstaunlich gegenwärtig.

Titel: Dunkle Renaissance
Verlag: Siedler Verlag, München
ISBN: 978-3-8275-0170-7
Erscheinungsjahr: 2026
Autor/in: Stephen Greenblatt
Warum beide Bücher lesenswert sind
Warum also beide Bücher lesen? Weil sie auf unterschiedliche Weise das leisten, was gute Literatur und gute Sachbücher gemeinsam haben: Sie erweitern die Welt. Lilly Hess macht dies durch Spannung und Atmosphäre. Stephen Greenblatt durch Erkenntnis und historische Tiefenschärfe. Die Autorin erzählt eine Geschichte, die den Alltag vergessen lässt; der andere zeigt, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind.
So verschieden die Bücher sind, so ähnlich ist ihre Wirkung. Beide erzeugen jene kostbare Form der Versenkung, die in der Hektik des Alltags selten geworden ist. Wer liest, befindet sich zugleich an zwei Orten: im eigenen Gartenstuhl und in einer anderen Wirklichkeit. Das gilt für den Mordfall zwischen Rebstöcken ebenso wie für die geistigen Schlachtfelder der Renaissance.

Lesen im Sommer besitzt eine besondere Qualität. Während Reisen an ferne Orte mit Organisation, Erwartungen und Zeitplänen zusammnenhängt, verlangt ein Buch nichts weiter als Aufmerksamkeit. Es kennt keine Warteschlangen, keine Verspätungen und keine überfüllten Strände. Es öffnet Türen, ohne dass man das Haus verlassen muss.
Und manchmal genügt genau das, um sich für einige Stunden so weit entfernt vom Alltag zu fühlen, als wäre man tatsächlich im Urlaub. Wer für den Sommer 2026 nach abwechslungsreicher, anspruchsvoller und zugleich unterhaltsamer Lektüre sucht, sollte beide Titel auf seine Leseliste setzen.
Die Recherche erfolgte aufgrund der Zurverfügungstellung von Rezensionsexemplaren. Der Inhalt wurde unabhängig erstellt; eine Einflussnahme fand nicht statt.






























































