Lennart Grau gehört zu einer Generation von Künstlern, die weniger an eindeutigen Antworten interessiert sind als an präzisen Fragen. Seine Arbeiten fordern Aufmerksamkeit, ohne sich aufzudrängen, und eröffnen Räume für Interpretation statt klarer Botschaften.
Im Zentrum steht dabei stets der künstlerische Prozess selbst: das Suchen, Verwerfen und Neujustieren. In diesem Interview sprechen wir mit Lennart Grau über seine Haltung zur Kunst, über innere Antriebe und darüber, was es bedeutet, eine eigene visuelle Sprache zu entwickeln – jenseits von Trends und Erwartungen.

Exklusives Interview mit Künstler Lennart Grau
Andreas Conrad: Ihre Arbeiten scheinen weniger fertige Aussagen zu liefern als Denkprozesse sichtbar zu machen. Was interessiert Sie mehr: das Ergebnis oder der Weg dorthin?
Lennart Grau: In dem Prozess der Malerei weiche ich oft von meinen geplanten Zielen ab. Am Anfang steht eine Idee, und ich habe schon eine Vorstellung davon, wie aus einer Skizze ein Bild entstehen soll. Spannend wird die Malerei für mich aber erst, wenn ungeplante Konstellationen und Zufälle mich vor malerische Entscheidungen stellen, die ich vorher nicht bedacht habe. Auf diese Situationen muss ich dann reagieren und bin gezwungen, den ursprünglichen Pfad zum Ziel, bzw. zur Bildidee zu verlassen. Dadurch entstehen malerisch als auch gedanklich neue Ebenen, die mich selbst überraschen. Ich versuche, für diese Situationen Raum zu schaffen, damit das Bild über die ursprüngliche Idee hinauswachsen kann. Dafür muss ich die Zügel loslassen können und mich von der ergebnisorientierten Planung verabschieden. Das öffnet Raum für die Intuition, weg von rationaler Zielvorstellung. Die Schwierigkeit besteht dann darin, den richtigen Zeitpunkt zu finden, an dem das Bild keinen weiteren Strich mehr braucht, um vollständig zu sein.
Andreas Conrad: Welche inneren Impulse oder Erfahrungen geben meist den Anstoß für ein neues Werk – eher konkrete Beobachtungen oder abstrakte Fragestellungen?

Lennart Grau: Für eine neue Malerei müssen ein paar Impulse zusammen kommen. Den Anstoß kann eine Pose oder eine kleine Bewegung geben, die ich beobachte. Das kann im realen Leben passieren oder ich sehe es z.B. in einer Abbildung aus der Kunstgeschichte. Es braucht diesen kleinen Moment der mich berührt, der aufgeladen ist. Den versuche ich mit einer Zeichnung einzufangen.
Solche Zeichnungen sammeln sich bei mir. Wenn ich in der richtigen Stimmung zum malen bin, durchforste ich diese Zeichnungen und hoffe, dass eine davon mit meinem inneren Gefühl matched. Wenn diese Komponenten zusammen kommen wird die gezeichnete Pose zu einer Bühne für meine Malerei. Rückwirkend ist es für mich viel einfacher nachzuvollziehen welche Impulse mich zu einem Bild geführt haben – in dem Prozess selbst schiebe ich das analysieren beiseite und versuche mehr mit dem Flow zu gehen.
Andreas Conrad: Wie gehen Sie mit Phasen um, in denen der künstlerische Prozess stockt oder Zweifel an der eigenen Arbeit aufkommen?
Lennart Grau: Solche Phasen kommen immer wieder vor aber über die Jahre habe ich gelernt damit umzugehen. Es ist eben kein 9 to 5 Job bei dem man auf Knopfdruck abliefert. Ich habe ein Urvertrauen entwickelt und weiß, dass man die fragile Stimmung die es zum Malen braucht nicht erzwingen kann. Auch wenn es nicht der Lieblingsteil des Jobs ist, gibt es ja noch genügend organisatorische Aufgaben denen man sich dann widmen kann. Anfangs hatte ich schnell ein schlechtes Gewissen wenn ich eine Weile nichts gemalt habe. Heute weiß ich, dass es für mich den Abstand ab und an braucht um wieder einen Überblick von außen zu bekommen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Nichtstun ein wesentlicher Bestandteil des Jobs ist. Umso intensiver können dann die Schaffensphasen werden.
Andreas Conrad: Inwiefern verstehen Sie Ihre Kunst als Kommunikationsform – und wie viel Kontrolle möchten Sie über die Interpretation durch das Publikum behalten?
Lennart Grau: Ich bin dankbar für einen emanzipierten Betrachter, der seinen eigenen Blick auf die Kunst hat und in den Bildern Dinge sieht die ich als Schöpfer nicht gesehen habe. Daraus kann ein spannender Dialog entstehen.Als Betrachter ist man schnell dazu geneigt die Intentionen des Künstlers als einzige Wahrheit von dem Bild anzusehen. Ich denke aber damit verbaut man sich vieles. Natürlich ist meine Idee hinter einem Bild das Fundament aber wenn darauf noch andere Gedanken wachsen können macht es das Bild noch langlebiger. Ich möchte ja keine plakative Aussage wie in einer Werbung schaffen. Für mich funktioniert ein Bild gut wenn es für den Betrachter einen Einstieg bietet zu etwas zu dem er einen Bezug hat. Ab da kann er sich dann selbstständig in der Interpretation des Bildes bewegen und mit seinen eigenen Empfindungen und Erfahrungen Bezüge herstellen.

Andreas Conrad: Gibt es künstlerische oder philosophische Einflüsse, die Ihr Denken nachhaltig geprägt haben, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht sichtbar sind?
Lennart Grau: Auch wenn es heute kaum mehr in meinen Bilder zu erkennen ist, war das Werk von dem Künstler Thomas Demand für mich eine großer Einfluss. Er baut ikonische Bilder aus Zeitungen in Lebensgröße aus Papier nach und fotografiert das Ensemble dann wieder. Es ist das gleiche Motive, aber eben komplett aus Papier. Die Entleerung von aufgeladenen Bildmotiven gab etwas vertrautem plötzlich eine unheimliche Stimmung die schwer zu greifen war. Das spiegelte sich damals in meiner Malerei in Simulationen von Lichtstimmungen und Atmosphären wieder. Ich hatte auf den Unebenheiten der Bildoberfläche ganz subtil Lichtreflexe und Schatten gemalt die dann von einer fiktiven Lichtquelle aus dem Raum des Betrachters zu kommen schienen. So bekam das Bild eine neue Ebene und ein minimales, abstraktes Motiv konnte in einer romantischen Stimmung erscheinen.
Seitdem hat meine Malerei viele Wendungen genommen und dieser Illusionistische trompe l’oeil Ansatz ist in den Hintergrund geraten. Das Spiel mit der Oberfläche und den Strukturen im Farbauftrag ist ein Relikt davon. Die Faszination für aufgeladene Bildmotive ist mir geblieben.

Andreas Conrad: Wenn Sie Ihre aktuelle Arbeit mit früheren Werken vergleichen: Worin erkennen Sie selbst die stärkste Veränderung oder Reifung?
Lennart Grau: Wenn mir damals im Studium jemand gesagt hätte, dass ich so malen würde wie ich heute male, hätte ich das weit von mir gewiesen. Das war nicht geplant. Damals war mein Ansatz abstrakter und ich hatte mich von der figurativen Malerei verabschiedet. Dafür hatte ich meine Malerei runter gebrochen auf die einzelnen Bestandteile und wollte davon nur noch mit denen arbeiten die mich faszinierten: das war die Farbe als plastisches Material, Trompe l’oeil, und Mut zur freien Fläche. Daraus entstanden dann Bilder die minimal waren und monochrom in gebrochener Farbe leichte Perspektiven andeuteten. Mein Galerist mochte diese Arbeiten und hätte wohl gerne gehabt, dass ich in diese Richtung weiter gehe. Mir wurde diese Abstraktion aber mit der Zeit zu beliebig und ich brauchte wieder etwas an dem ich mich festhalten konnte. So fand die Figur Stück für Stück wieder zurück in meine Bilder und mit ihr auch die Farbe. Ich habe dabei versucht ehrlich zu mir selbst zu sein und neue Impulse die intuitiv zu mir kommen zuzulassen. Dass diese Impulse z.B. aus dem Barock kamen war für mich selber überraschend.
Wir danken Lennart Grau für die aufschlussreichen Antworten.

Weitere Informationen:
Lennart Grau
Böttgerstr. 7
13357 Berlin
Hinweis der Redaktion: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen, Einschätzungen und Meinungen geben ausschließlich die persönlichen Ansichten des Interviewpartners wieder. Die Redaktion macht sich diese Inhalte nicht zu eigen; für deren inhaltliche Richtigkeit und rechtliche Bewertung ist allein der Interviewpartner verantwortlich.
























































