Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Wer über die arabische Welt liest, begegnet in westlichen Medien häufig denselben Begriffen: Krieg, Krisen, Menschenrechtsverletzungen oder Repression. Diese Themen sind journalistisch relevant und verdienen Aufmerksamkeit.

Gleichzeitig prägen sie über Jahre hinweg das Bild ganzer Regionen – und damit auch die Wahrnehmung der Millionen Menschen, die dort ihren Alltag leben. Unsere Pressereisen nach Saudi-Arabien, Kuwait, Jordanien, Katar, Marokko und Oman haben uns deshalb eine Frage gestellt: Wie viel von diesem Bild entspricht dem Alltag, den Besucher tatsächlich erleben?

Die Antwort ist differenzierter, als viele Schlagzeilen vermuten lassen. Natürlich existieren politische und gesellschaftliche Herausforderungen. Doch daneben gibt es eine Lebenswirklichkeit, die von Offenheit, Gastfreundschaft und einem tiefen Interesse am Austausch geprägt ist. Diese Erfahrungen kommen allerdings in der internationalen Berichterstattung häufig nur am Rande vor.

Unterwegs in Saudi Arabien – Kulturen treffen aufeinander, doch jeder wahrt den Respekt füreinander / © Redaktion FrontRowSociety.net

Begegnungen statt Berührungsängste

Saudi-Arabien dürfte für viele Europäer noch immer das Land sein, das am stärksten von Vorurteilen geprägt ist. Bilder von strengen Kleidervorschriften, gesellschaftlicher Abschottung und eingeschränkten Freiheiten bestimmen bis heute die öffentliche Wahrnehmung. Vor Ort zeigte sich jedoch ein deutlich komplexeres Bild.

Während unserer Aufenthalte in Riad, Dschidda und anderen Regionen bewegten wir uns frei durch Innenstädte, historische Viertel, Einkaufszentren und touristische Sehenswürdigkeiten. Als ausländische Journalisten wurden wir weder misstrauisch beobachtet noch besonders kontrolliert. Im Gegenteil: Immer wieder entwickelten sich spontane Gespräche mit Einheimischen, häufig verbunden mit einer Einladung auf einen arabischen Kaffee oder Tee.

In Riad mit der Metro unterwegs / © Redaktion FrontRowSociety.net

Besonders auffällig war die Rolle der Frauen im öffentlichen Leben. In Restaurants, Hotels, Museen, an Flughäfen oder in Ministerien begegneten wir selbstverständlich Frauen in verantwortungsvollen Positionen. Viele trugen weiterhin die traditionelle Abaya, andere kombinierten westliche Kleidung mit einem Kopftuch, wieder andere verzichteten darauf vollständig. Für ausländische Besucherinnen besteht inzwischen keine Verpflichtung mehr, eine Abaya zu tragen. Entscheidend ist – wie in vielen Ländern – respektvolle Kleidung, insbesondere an religiösen Orten.

Auch der Tourismus verändert das Land sichtbar. Historische Stätten wie AlUla, Diriyah oder das UNESCO-Welterbe in Dschidda werden gezielt international geöffnet. Hotels, Kulturveranstaltungen und moderne Infrastruktur zeigen, dass Saudi-Arabien heute aktiv um Besucher wirbt – ein Bild, das in Europa häufig noch nicht angekommen ist.

Saudi Arabien polarisiert und fasziniert zugleich / © Redaktion FrontRowSociety.net

Kuwait: Gastfreundschaft mit leisen Tönen

Kuwait wirkt auf den ersten Blick deutlich zurückhaltender als seine Nachbarstaaten. Wolkenkratzer prägen ebenso das Stadtbild wie traditionelle Märkte und die Uferpromenade am Arabischen Golf.

Gerade diese Ruhe machte unsere Begegnungen besonders angenehm. Gastfreundschaft zeigte sich hier selten spektakulär, sondern vielmehr im Alltag. Menschen halfen ungefragt bei der Orientierung, begleiteten uns ein Stück des Weges oder signalisierten, dass sie einfach mit uns ins Gespräch kommen wollten. Das Interesse galt weniger der Politik als vielmehr unserem Blick auf ihr Land und das Leben in Deutschland.

Hinter der traditionellen Abaya steckt Neugier und Verstand / © Redaktion FrontRowSociety.net

Frauen sind im öffentlichen Raum selbstverständlich präsent: als Angestellte, Unternehmerinnen oder Studentinnen. Auch hier gilt für Besucherinnen keine besondere Kleiderpflicht, wenngleich eine dem kulturellen Umfeld angepasste Kleidung respektvoll wahrgenommen wird.

Touristen können sich weitgehend frei bewegen. Gerade weil Kuwait touristisch noch weniger erschlossen ist als andere Golfstaaten, entstehen Begegnungen oft ungezwungen und ohne den Eindruck einer inszenierten Gastfreundschaft.

Jordanien: Gastfreundschaft als gelebte Kultur

Kaum ein Land hat uns die Bedeutung von Gastfreundschaft so unmittelbar erleben lassen wie Jordanien. Ob in Amman, Madaba oder auf dem Weg nach Petra; immer wieder wurden wir angesprochen, ob wir Hilfe benötigten oder ob uns jemand den Weg zeigen könne. Aus einem kurzen Gespräch entwickelte sich nicht selten eine Einladung zum Tee oder ein längerer Austausch über Familie, Beruf und das Leben in Europa.

Dabei fiel uns auf, dass sich diese Offenheit keineswegs nur auf Touristen konzentriert. Gastfreundschaft scheint hier tief in der gesellschaftlichen Identität verwurzelt zu sein.

In Jordanien ist Gastfreundschaft tief in der Gesellschaft verankert
In Jordanien ist Gastfreundschaft tief in der Gesellschaft verankert / © Redaktion FrontRowSociety.net

Frauen begegneten uns sowohl traditionell gekleidet als auch in westlicher Kleidung. Dieses Nebeneinander verschiedener Lebensentwürfe prägt insbesondere die größeren Städte. Besucher können sich frei bewegen; religiöse oder historische Stätten verlangen teilweise angepasste Kleidung, wie sie weltweit an vergleichbaren Orten üblich ist.

Jordanien lebt seit Jahrzehnten vom internationalen Tourismus. Entsprechend professionell ist der Umgang mit Gästen, ohne dass dabei die persönliche Herzlichkeit verloren geht.

Moderne Vielfalt in Katar

Kaum ein Staat der Region ist internationaler als Katar. In Doha leben Menschen aus weit über hundert Nationen. Diese Vielfalt ist überall sichtbar – auf den Straßen, in Hotels, Restaurants oder Unternehmen. Englisch ist neben Arabisch nahezu selbstverständlich, was den Austausch erleichtert.

Während unseres Aufenthalts bewegten wir uns problemlos mit Metro, Taxi und zu Fuß durch die Stadt. Die Sicherheitslage empfanden wir als ausgesprochen entspannt. Auch spätabends waren öffentliche Plätze, Promenaden und Märkte gut besucht.

Kaum ein Staat der Region ist internationaler als Katar/ © Redaktion FrontRowSociety.net (iPhone 16 Pro)

Bemerkenswert war zudem die Präsenz von Frauen im Berufsleben. In Museen, Behörden, Unternehmen oder im Medienbereich trafen wir auf zahlreiche Katarerinnen in verantwortlichen Positionen. Gleichzeitig existieren traditionelle gesellschaftliche Rollenbilder weiter. Beides schließt sich im Alltag offenbar nicht zwangsläufig aus.

Für Besucher gelten vergleichsweise liberale Regeln. Außerhalb religiöser Einrichtungen wird respektvolle Kleidung erwartet, ohne dass daraus starre Vorschriften entstehen. Der Staat präsentiert sich heute bewusst als internationales Reiseziel und investiert entsprechend in Kultur, Museen und Veranstaltungen.

Der Yachthafen Corniche in Doha
Der Yachthafen Corniche in Doha – Katar präsentiert sich bewusst als sicheres Reiseziel / © Redaktion FrontRowSociety.net

Marokko und Oman: Nähe, Würde und Ruhe

Marokko gehört seit Jahren zu den beliebtesten Reisezielen Nordafrikas und nach unseren Eindrücken nicht ohne Grund. In den Medinas von Marrakesch oder Fès ebenso wie in Rabat oder Casablanca entstehen Gespräche oft innerhalb weniger Minuten. Händler, Cafébesitzer oder Passanten begegneten uns mit einer Mischung aus Neugier, Humor und Gelassenheit. Wer höflich kommuniziert und kulturelle Gepflogenheiten respektiert, wird meist ebenso respektvoll behandelt.

Marokko gibt sich weltoffen, beispielsweise mit dem Magazine Festival / © FrontRowSociety.net, Foto: Jessica Conrad

Frauen prägen das öffentliche Leben sichtbar, ob verschleiert oder westlich gekleidet. Gerade in den größeren Städten zeigt sich eine bemerkenswerte Vielfalt unterschiedlicher Lebensstile.

Oman wiederum hinterließ einen völlig anderen Eindruck. Das Sultanat wirkt entschleunigt, fast zurückhaltend. Hektik scheint hier weniger Platz zu haben als in vielen anderen Staaten der Region. Während unserer Reise durch Maskat und andere Landesteile konnten wir uns ohne Einschränkungen bewegen. Die Menschen begegneten uns ausgesprochen höflich, ohne aufdringlich zu sein. Hilfe wurde angeboten, wenn sie nötig war – ansonsten ließ man Besuchern ihren Freiraum.

Oman schließlich beeindruckte durch seine Ruhe und Zurückhaltung 
Oman schließlich beeindruckte durch seine Ruhe und Zurückhaltung  / © Redaktion FrontRowSociety.net

Auch hier gilt eine respektvolle Kleiderordnung insbesondere an religiösen Orten. Im Alltag erlebten wir jedoch eine entspannte Atmosphäre, die sich deutlich von vielen Klischees über die Region unterscheidet.

Zwischen Realität und Berichterstattung

Keine dieser Beobachtungen bedeutet, dass die angesprochenen Länder frei von Problemen wären. Fragen nach Meinungsfreiheit, politischen Beteiligungsmöglichkeiten oder den Rechten von Arbeitsmigranten bleiben berechtigt und gehören weiterhin zur journalistischen Berichterstattung.

Ebenso wenig lassen sich Fortschritte bei Frauenrechten oder gesellschaftlicher Öffnung pauschal bewerten. Die Entwicklungen verlaufen unterschiedlich schnell und unterscheiden sich von Staat zu Staat.

Oberflächliche oder einseitige Berichterstattung kann einem Land schnell schaden / © Redaktion FrontRowSociety.net

Unsere Reisen haben jedoch deutlich gemacht, dass zwischen politischen Debatten und der alltäglichen Begegnung mit Menschen oft eine erhebliche Lücke besteht. Wer ausschließlich auf Schlagzeilen blickt, übersieht leicht die Lebensrealität jener Mehrheit, die ihren Alltag zwischen Familie, Beruf, Tradition und Modernisierung gestaltet.

Negative Nachrichten sind unverzichtbar, weil sie Missstände sichtbar machen. Problematisch wird es dort, wo sie zur einzigen Erzählung werden. Dann entsteht der Eindruck, ganze Gesellschaften ließen sich auf Konflikte oder politische Systeme reduzieren.

Am Ende entscheidet der Mensch

Nach mehreren Reisen durch die arabische Welt bleibt für uns vor allem eine Erkenntnis: Gastfreundschaft lässt sich nicht verordnen, Offenheit nicht inszenieren und gegenseitiger Respekt nicht durch Imagekampagnen erzeugen.

Was wir erlebt haben, waren keine außergewöhnlichen Einzelereignisse, sondern viele kleine Begegnungen: Menschen, die uns den Weg erklärten, uns zum Kaffee einluden, sich nach Deutschland erkundigten oder einfach neugierig waren, wie wir ihr Land wahrnehmen.

Alle Omanis, die wir getroffen haben, sind sehr gastfreundlich
Am Ende entscheidet jeder selbst, wie aufgeschlossen man anderen Menschen und deren Kultur begegnet / © Redaktion FrontRowSociety.net

Die arabische Welt ist weder einheitlich noch widerspruchsfrei. Sie besteht aus sehr unterschiedlichen Gesellschaften mit eigenen Traditionen, politischen Systemen und kulturellen Prägungen. Wer sie verstehen möchte, muss deshalb mehr sehen als die Schlagzeilen.

Vielleicht braucht es genau das wieder häufiger: Journalismus, der Missstände benennt, ohne ganze Gesellschaften darauf zu reduzieren. Denn erst im unmittelbaren Kontakt entsteht ein vollständigeres Bild – eines, das komplexer, menschlicher und oft überraschender ist, als es aus der Distanz erscheint.

Urlaub zwischen zwei Welten, … / © Redaktion FrontRowSociety.net
Heute gilt das Masmak Fort als eines der wichtigsten Identitätssymbole des Landes.
… wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten / © Redaktion FrontRowSociety.net

Dieser Beitrag wurde unabhängig und nach journalistischen Standards redaktionell erstellt. Externe Unterstützung ermöglichte die Veröffentlichung, ohne Einfluss auf Inhalt oder Ausarbeitung. Zur Unterstützung bei Recherche sowie zur Prüfung und Optimierung von Sprache, Grammatik und Rechtschreibung wurden teilweise KI-gestützte Tools eingesetzt. Es gilt der Redaktionskodex.