Die Lagune von Stagnone empfängt mich mit einer Klarheit, die den Blick ungehindert über die flachen Becken führt. In dieser Weite liegt die Saline Ettore e Infersa wie ein offenes Buch, dessen Kapitel aus Salz, Verdunstung und jahrhundertealtem Wissen bestehen.
Seit dem 12. Jahrhundert ist ihre Existenz belegt; Generationen derselben Familie haben sie geprägt, erweitert, verteidigt. Auch heute führt die siebte Generation diesen Ort mit einer Beharrlichkeit, die sich im Rhythmus von Sonne und Wind fortsetzt.

Schmale Dämme gliedern die Landschaft, als führten sie behutsam durch eine stillgelegte Zeit. Zwischen ihnen spiegeln sich Himmel und Wasser so eng, dass die Grenze kaum auszumachen ist. Diese Saline besteht aus kurzen Wegen, präziser Handarbeit, Geduld und Ausdauer. Wer hier ankommt, betritt eine Gesamtkomposition, geschaffen von Menschenhand, geformt von den Elementen. Die Besonderheit des Ortes zeigt sich in der Art, wie das Wasser steht, wie das Licht sich über die Pfannen legt, wie die Luft nach Salz duftet.

Windmühlen, Handwerk und der Pulsschlag des Tages
Die Arbeit in der Saline gehorcht einem alten Takt. Früher trieben Windmühlen die Pumpen an, hoben das Meerwasser über ein System aus Kanälen und Schleusen in die nächsten Becken. Heute werden zwar elektrische Pumpen genutzt, dennoch hat die Kulturlandschaft nicht an ihrer Erhabenheit eingebüßt.

Fünfzehn Salzarbeiter kehren in den Sommermonaten zurück. Sie schöpfen die Kristalle, wenden sie mit langen Rechen, ziehen weiße Linien in das feuchte Salz. Ihre Bewegungen sind knapp, kontrolliert, auf das Wesentliche konzentriert. Große Kristalle wachsen, wenn der Wind stetig über die Becken streicht. An vollkommen stillen Tagen bildet sich die zarte Oberhaut des Fleur de Sel, die vorsichtig aufgenommen wird, bevor die Hitze des Nachmittags sie wieder zusammenfallen ließe.

Das Salz bleibt ungewaschen, unbehandelt und trägt das Siegel einer geschützten Herkunftsbezeichnung IGT. Seine leichte orangefarbene Tönung stammt von den Algen, die im seichten Wasser gedeihen und das Wasser mit Betacarotin anreichern. Und der Geschmack: er bewahrt die Herkunft, das Meer, die Verdunstung, den Wind. Die Reinheit und die Struktur des Salzes machen es begehrt. Es findet seinen Weg bis in japanische Spitzenküchen – ein weiter Weg für ein Produkt, das in stillen, flachen Becken der Natur abgerungen wird.



Diese 3,5 Hektar große Kulturlandschaft ist ein Lebensraum für eine eigenwillige Fauna und Flora. Flamingos landen im Frühling und im Herbst in der Saline, während sich Stelzenläufer und Graureiher das ganze Jahr hier tummeln, um sich von den reichen Shrimps-Vorkommen zu ernähren. Zwischen den Dämmen wächst wilder Spargel, außerdem gedeihen Salicornia, Meerfenchel, Limonium-Arten und die seltene Calendula maritima.


Auch wenn in der Saline heute 700.000 Tonnen Salz produziert werden, ist sie zugleich ein Stück lebendiger Kulturgeschichte. Die Mühlen wurden in den 1990er-Jahren von Grund auf restauriert. Als ich ihre Innenräume betrete, fällt der Blick auf die Achsen und Räder, die auf den Wind warten. Ihre restaurierten Holzkonstruktionen wirken weniger wie Anschauungsstücke, eher wie kraftvolle Werkzeuge. Das Zahnwerk ist schlicht und eine Erinnerung daran, wie präzise traditionelle Technik sein kann.

Abendlicht über den Pfannen
Gegen Ende des Tages verändert sich die Lagune. Das Licht sinkt tiefer, wird weich, das Salz legt sich wie ein dünner Schleier über die Ebene. Die Mühlen werfen langgezogene Schatten, das Wasser verliert seine spiegelnde Härte und nimmt einen matten Glanz an. Die Luft wird wärmer im Ton, fast bernsteinfarben. Geräusche treten zurück, als zöge der Abend eine beruhigte Ordnung über den Ort. Die Farben lösen sich allmählich auf, das Rosa des Himmels trifft die Orange-Nuancen der Algen in den Becken. Es ist ein Moment, in dem die Landschaft eine eigene Stimme hat, still, doch eindringlich. Ich bleibe auf der Dachterrasse des Restaurants Mamma Caura stehen, bis die letzte Helligkeit vergeht. Nicht umsonst trägt sie den verheißungsvollen Namen The Sunset Bar.


Salz und Wein: Eine Begegnung mit Donnafugata
In einem kleinen Verkostungsraum, der nach Holz und Meerluft duftet, probiere ich verschiedene Jahrgänge des Ben Ryé der Tenuta Donnafugata zum Salz der Saline. Der 2022er öffnet sich mit Aprikose, mediterranen Kräutern und einer cremigen Fülle, die das Fleur de Sel auf der Zunge klar hervortreten lässt. Der 2016er zeigt konzentrierten Honig, Leder, kandierte Früchte und eine feine Säure, die sich eng mit den leichten Kristallen verbindet und eine präzise Balance bildet. Der 2011er legt Tabak, Leder und karamellisierte Ananas frei, vollmundig und warm, getragen vom stillen Echo des Salzes.


Die Weinberge von Donnafugata liegen an fünf verschiedenen Orten Siziliens. Ihr Süßwein Ben Ryé wird aus der Rebsorte Zibibbo hergestellt, die auf der Insel Pantelleria wächst, einer kleinen Vulkaninsel südwestlich von Sizilien. In ihm vereinen sich Sonne, Terroir und Handwerkskunst. Tradition und Innovation begegnen sich in jedem Glas, das den Charakter der Insel einfängt, würzig, vollmundig und von der mediterranen Landschaft geprägt.

Mehr über die Tenuta Donnafugata gibt es hier:
Donnafugata – ein Weingut als Familienangelegenheit
Donnafugata – vier Terroirs und die Kunst des Weinmachens
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