Wer durch die geschwungene Hügellandschaft des Luberon fährt, vorbei an Lavendelfeldern und Weingärten mit knochigen Rebstöcken, entdeckt irgendwann ein Dorf, das einem Kunstwerk von Thierry Marchal entsprungen scheint: Lourmarin.
Der kleine Ort im Süden Frankreichs gehört offiziell zu den schönsten Dörfern der Provence und zieht seit Jahrzehnten Künstler, Schriftsteller und Reisende an. Und vor den engen Gassen des hübschen Dorfes steht das Château de Lourmarin . Dieses elegante Renaissance-Schloss beeindruckt nicht nur architektonisch, es erzählt zudem eine außergewöhnliche Geschichte. Darin geht es um ein beinahe verlorenes Bauwerk und um einen Mann, der es aus seinem Dornröschenschlaf erweckte. Blätter wir doch einmal in diesem Buch.

Die Geschichte eines Renaissance-Schlosses
Das Schloss von Lourmarin hat seine Ursprünge im Mittelalter. Bereits im 12. Jahrhundert stand an dieser Stelle eine Festung, von der heute jedoch kaum noch Spuren erhalten sind. Im späten 15. Jahrhundert ließ Foulques d’Agoult, Kammerherr des berühmten René von Anjou, auf den alten Grundlagen ein neues Schloss errichten. Später entstand unter Louis d’Agoult-Montauban und seiner Frau Blanche de Lévis-Ventadour ein prachtvoller Renaissance-Flügel. Damals wurde besiegelt, was bis heute Gültigkeit hat: Lourmarin ist das erste Renaissance-Schloss in der Provence.

Noch heute erkennt man deutlich die unterschiedlichen Bauphasen. Der ältere Teil wirkt wehrhaft und mittelalterlich, während der Renaissance-Flügel mit eleganten Fenstern, luftigen Galerien und kunstvollen Treppen italienische Einflüsse erkennen lässt. Besonders berühmt ist die doppelläufige Wendeltreppe, die zu den architektonischen Besonderheiten des Schlosses zählt.

Doch wie viele historische Gebäude in Frankreich geriet auch das Schloss nach der Französischen Revolution zunehmend in Vergessenheit. Die Besitzer wechselten häufig, niemand kümmerte sich ernsthaft um den Empfang der Anlage, und das einst prachtvolle Gebäude verfiel immer mehr. Anfang des 20. Jahrhunderts stand das Schloss kurz davor, endgültig zerstört zu werden. Es sollte sogar versteigert und als „Baustoffquelle“ genutzt werden.

Robert Laurent-Vibert: Der Retter des Schlosses
In diesem Moment trat Robert Laurent-Vibert auf den Plan. Der Industrielle aus Lyon war ein erfolgreicher Unternehmer. Doch nur das. Der umtriebige Herr Kriegshistoriker, Kunstliebhaber und ein leidenschaftlicher Bewunderer der französischen Kulturgeschichte. 1920 entdeckte er das verfallene Schloss und war sofort fasziniert von seiner Atmosphäre und natürlich von der historischen Bedeutung.


Alte Fotografien aus jener Zeit zeigen ein Gebäude, das tatsächlich wie ein schlafendes Dornröschenschloss wirkte: zerfallene Mauern, eingestürzte Bereiche und überwucherte Innenhöfe. Doch Laurent-Vibert erkannte hinter dem Verfall die Schönheit des Bauwerks. Seine Liebe zur Provence, zu ihrer Geschichte und ihrer Kunst wurde zum Motor einer außergewöhnlichen Rettungsaktion.


Gemeinsam mit dem Architekten Henri Pacon begann er eine sorgfältige Restaurierung. Dabei orientiert man sich an historischen Dokumenten und alten Stichen, um das Schloss möglichst originalgetreu wiederherzustellen. Beide gewannen viele Handwerker aus Lourmarin, die sich nur zu gern an den Arbeiten beteiligten. So wurde die Restaurierung quasi zu einem Projekt des Dorfes.


Robert Laurent-Vibert verwandelte das ruinöse Gemäuer innerhalb weniger Jahre wieder in ein kulturelles Schmuckstück. Er richtete die Räume mit Möbeln, Kunstgegenständen, Musikinstrumenten und einer bedeutenden Bibliothek ein. Seine Vision ging jedoch über die Restaurierung hinaus: Das Schloss sollte ein Ort der Kunst und der Begegnung werden, also eine Art „Villa Medici der Provence“.


Manchmal kommt es anders
Das Schicksal meinte es jedoch nicht gut mit Robert Laurent-Vibert. 1925 kam er bei einem Verkehrsunfall ums Leben, nur wenige Jahre nachdem er das Schloss gerettet hatte. Sein früher Tod erschütterte viele Menschen in der Region.


Glücklicherweise hatte Laurent-Vibert vorgesorgt. Bereits 1923 hatte er testamentarisch verfügt, dass das Schloss nach seinem Tod einer Stiftung übergeben werden sollte. Diese Stiftung sollte Künstler fördern und das Château zu einem Ort kulturellen Lebens machen. Das Anwesen ging deshalb an die Académie des Sciences, Agriculture, Arts et Belles-Lettres von Aix-en-Provence über, die die Fondation de Lourmarin Laurent-Vibert gründete.

Bis heute erfüllt das Schloss diesen Auftrag. Junge Künstler, Musiker, Schriftsteller und Maler erhalten hier die Möglichkeit, zu arbeiten und ihre Werke zu präsentieren. Konzerte, Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen finden das ganze Jahr über statt. Dadurch hat sich das Château de Lourmarin jene Lebendigkeit bewahrt, die sich Robert Laurent-Vibert für sein wunderbares Schloss wünschte.


Lourmarin – Eines der schönsten Dörfer der Provence
Auch das Dorf ist ein wahres Kleinod an Beschaulichkeit. Lourmarin liegt am Fuße des Luberon-Massivs und gehört zu den „Plus Beaux Villages de France“, den schönsten Dörfern Frankreichs. Kleine Cafés, schattige Plätze, provenzalische Märkte und enge Gassen prägen das Bild. Über allem liegt jener entspannte Charme, der für den die Provence berühmt ist.

Bekanntheit erlangte Lourmarin auch durch den Schriftsteller Albert Camus, der hier seine letzten Lebensjahre verbrachte und auf dem Dorffriedhof begraben liegt. Man sagt, dass diese besondere Mischung aus Kultur, Geschichte und südfranzösischer Gelassenheit zwischen den Häuserzeilen spürbar ist.


Vom Schloss aus blickt man über die roten Dächer des Dorfes und die drei markanten Glockentürme, die Lourmarin den Beinamen „Dorf der drei Glockentürme“ eingebracht haben. Gerade in den Abendstunden, wenn das Licht der Provence die Fassaden golden färbt, versteht man sofort, warum Künstler und Reisende seit Jahrhunderten von diesem Ort angezogen werden.


Das Château de Lourmarin steht nun wie ein Fels in der Brandung als Symbol dafür, wie die Leidenschaft eines einzelnen Menschen ein Stück Geschichte bewahren kann. Ohne Robert Laurent-Vibert wäre das Schloss vermutlich verschwunden. Stattdessen lebt es weiter und bereichert als kultureller Treffpunkt den Ort, an dem Kunst und Geschichte seit langem miteinander verbunden sind.

Wer Lourmarin besuchte, erlebte daher nicht nur ein wunderschönes Schloss. Man begegnet auch der Idee, dass Kultur bewahrt werden muss, damit sie lebendig bleiben kann. Und wenn man mich fragt, liegt darin die wahre Seele dieses besonderen Fleckchen mitten im Süden Frankreichs.





Besucherinformationen Château de Lourmarin
Wer Château de Lourmarin besuchen möchte, füttert sein Navigationssystem mit folgender Adresse: 2 Avenue Laurent Vibert, 84160 Lourmarin, Frankreich. Kostenfreie Parkplätze sind am Schloss vorhanden.
Öffnungszeiten
- Mai–September: täglich 10:30–18:45 Uhr
- April & Oktober: täglich 10:30–17:45 Uhr
- November–März: täglich 10:30–12:45 Uhr und 14:30–17:15 Uhr
- Letzter Einlass jeweils 45 Minuten vor Schließung
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