Miami Beach und dessen ikonischer Ocean Drive ist mehr als nur eine fröhliche, pastellfarbene Kulisse. Er erzählt von Bauboom, Niedergang und Rettung. Mark Gordon, General Manager der Miami Design Preservation League, führt anlässlich des 100-Jahres-Jubiläums 2025/26 durch den Art-déco-Distrikt.
Man kennt ihn von Bildern und aus bekannten Filmen: Der Ocean Drive in Miami mit seinen pastellfarbenen Retro-Fassaden zählt zu den Wahrzeichen der Stadt. Spaziert man selbst zum ersten Mal über den Ocean Drive, so versteht man, warum dieser weit mehr ist als nur süße Strandkulisse. Die Fassaden im Art-déco-Stil wirken beinahe wie Bühnenbilder. Es ist kaum zu glauben, dass der heute weltweit bekannte Fahrstreifen das letzte Jahrhundert fast nicht überlebt hätte – und dass eine Frau ausschlaggebend für dessen Rettung war.
Dieser Teil der Geschichte Miamis hat gerade jetzt besondere Bedeutung: Denn Art déco feiert 2025/26 sein Jubiläum. Ganze 100 Jahre nach der Pariser Weltausstellung Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes (1925), die dem Stil internationales Renommee verschaffte.

Schon gewusst?
Der Art-déco-Distrikt befindet sich zwischen 5th Street und 23rd Street, entlang Ocean Drive, Collins Avenue und Washington Avenue. Er umfasst 800 historische Gebäude.
Miami Beach: Von Zerstörung zu Bauboom

Wir befinden uns heute am Ocean Drive, der berühmten Strandpromenade in Miami Beach, mit Mark Gordon. Er ist der General Manager der Miami Design Preservation League, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das besondere architektonische Erbe der Stadt zu bewahren. Seine Tour beginnt mit einer Zeitreise zurück zu den Anfängen von Miami Beach. Damals, als sich Anfang des 20. Jahrhunderts einige Unternehmer daran machten, die Barriereinsel mit ihren wilden Mangroven in eine Touristendestination zu verwandeln.
Ab 1913 sah das Eiland durch den Bau einer Brücke einen regelrechten Immobilienboom. Zahlreiche Gebäude wurden errichtet und beförderten den Ansturm auf Miami Beach. All dies bis zu jenem Einschnitt, der die Geschichte und Architektur der Insel neu definieren sollte: der Hurrikan von 1926, gefolgt von der „Großen Depression“. „Der Hurrikan fegte alles weg. 1929 brach auch noch die Wirtschaftskrise herein und das ganze Land zerfiel“, erzählt Mark Gordon. Tabula Rasa für Miami Beach.

Alles neu in Miami Beach
Diese „leere Leinwand“ führte bereits wenige Jahre später, in den 1930ern, abermals zu einem Ansturm der Immobilienentwickler auf Miami Beach: „Es kam erneut zum Bauboom. Zwischen 1934 und 1941 wurden fast 1200 Gebäude errichtet“, weiß der GM und ergänzt: „Sie bauten allerdings nicht für die Reichen – sondern für die Mittelschicht.“ Diese nun aufstrebende soziale Schicht war eine direkte Folge der Great Depression, samt Gewerkschaften, Fünf-Tage-Woche – und dem Konzept des Urlaubs. Der Ocean Drive wurde dabei als Hotel- und Apartmentmeile für Touristen der Mittelklasse konzipiert.
Vorherrschender Stil war damals der moderne Art-déco-Stil – weniger prunkvoll als Hotels für höhere Schichten, dennoch schick. Unter den Architekten waren etwa Henry Hohauser und L. Murray Dixon, die bekannt waren für Bauten mit geschwungenen Kurven, hervorstehenden Türme, Fenster mit „Augenbrauen“ und Neonschilder. Ihr Stil, so die Show American Experience, war „perfekt geeignet für eine Stadt, die für Sonne, Sand und Entspannung geschaffen wurde“.
Art déco: Fassaden voller Formen

Wer weiß, worauf man achten muss, sieht in den Hotels, die sich heute entlang des Ocean Drive reihen, mehr als nur ihren entzückenden Retro-Charme. Sie sind regelrechte Architektur-Erzählungen, weiß Mark Gordon. Er zeigt unserer kleinen Gruppe anhand des Congress Hotel South Beach von Henry Hohauser, wohin wir unsere Blicke richten sollen: „Wir beginnen von oben: Das Dach ist ein Stufendach, genannt Zikkurat. Sehen Sie die blauen Wellenlinien? Das ist ein ägyptisches Symbol für Wasser. Dann die Simse, die wir aufgrund ihrer Form ‚Augenbrauen‘ nennen. Wie Sie sehen können, hatten diese Gebäude keine Klimaanlage. Die Simse hielten damals das Sonnenlicht fern. Die Symbole vor der Eingangstür, links und rechts, sind gefrorene Brunnen.“

Wir wandern weiter, eta zum Leslie-Hotel. „Der Leslie ist ein gutes Beispiel für den traditionellen Art-déco-Stil. Er ist sehr kantig. Diese gelben Linien werden als Rennstreifen bezeichnet“, sagt der Experte, während unsere Blicke die farbige Fassade abtasten. Ganz wie früher sieht das Hotel übrigens nicht aus, fügt er hinzu: „Dieses Gebäude war einst komplett gelb, aber jetzt werden die Gebäude wieder in helleren Farben gestrichen, weil das gerade im Trend liegt.“

Alle Augen auf den Ocean Drive
Typische architektonische Merkmale des Stils finden sich entlang des gesamten Straßenzugs. Wir bewundern auch das Carlyle Hotel mit seinen gerundeten Kanten. Der Bau ist ein klassisches Beispiel der „Streamline Moderne“, die zweite, weichere Generation von Art déco. Diesen Style verfolgte man auch beim Bau des Cardozo South Beach. „Das Gebäude an der Ecke heißt Cardozo, ebenfalls im Streamline-Moderne-Stil mit maritimem Charakter“, so der GM. „Dort befanden sich unsere ersten Büros, und dort haben wir 1979 unser erstes Geschäft am Ocean Drive eröffnet. Wo früher Bullaugenfenster waren, sind jetzt Fenster, die eher wie DeSoto-Radkappen anmuten.“ Und er verrät einen weiteren interessanten Fakt: „Das Gebäude gehört heute Gloria und Emilio Estefan. Sie liebte dieses Gebäude als Kind. So kauften sie es 1992, seitdem gehört es ihnen und sie kümmern sich wirklich sehr gut darum.“

Das berühmteste der Gebäude ist aber zweifelsohne die Casa Casuarina, vielen als Versace-Mansion bekannt. Auch, wenn diese nicht im Art-déco- sondern im mediterranen Stil erbaut wurde. „Die Casa wurde 1930 von einem Erben des Standard-Oil-Vermögens als Partyhaus gebaut.“ Nach dessen Ableben wurde das Haus jahrelang als Apartmentkomplex weitergegeben – bis Versace es entdeckte. „1992 fährt er daran vorbei und beschließt, die Casa Casuarina zu kaufen. Er kauft sie für 2,95 Millionen und renoviert sie für rund 32 Millionen Dollar. Und so bringt er Miami Beach zurück auf den Plan, weil er dort Partys mit Prinzessin Diana, Elton John und Jay-Z veranstaltet. Er war also Teil der Wiederbelebung von Miami Beach.“

Nachhaltig und wirtschaftlich
Neben der Ästhetik spielte natürlich auch Wirtschaftlichkeit eine Rolle, erklärt Mark Gordon ein scheinbar banales Detail: die Höhe der Bauten. „Die Bauvorschriften besagten, dass man einen Aufzug einbauen muss, wenn man ein Gebäude mit mehr als drei Stockwerken errichtet. Um die Kosten niedrig zu halten, entwickelten sie daher damals nur dreistöckige Gebäude.“ Das Schöne daran: Die erste Reihe am Ocean Drive ist nicht von einer Kulisse mit übertrieben hohen Wolkenkratzern geprägt.

Art déco betrifft aber nicht nur die Fassaden, der Stil zieht sich auch in die Innenräume weiter. Mark Gordon macht uns auf den Terrazzo-Boden in der Lobby des Hotel Victor aufmerksam: „Terrazzo fühlt sich immer kühl an. Denken Sie daran, dass diese Gebäude keine Klimaanlage hatten; beim Barfußlaufen verspürte man so ein Gefühl der Abkühlung.“ Ähnlich funktioniert Glas: „In diesen Gebäuden gibt es viel Glasbaustein, um ein Gefühl von Kühle zu vermitteln, weil es wie Eis aussieht. Das ist Design als ‚Placebo‘ gegen die Tropenluft – eine visuelle Sache, damit man sich kühler fühlt.“
Barbara Capitman: Die Rettung des Art déco
Die zweite große Erzählung neben der Entstehung des Districts ist dessen Rettung. In den 1970er Jahren galt South Beach als unsichere, eher heruntergekommene Gegend. Die alten Gebäude wurden in dieser Zeit nicht als wertvolles Erbe, sondern als Hindernis gesehen. Die Stadt wollte die Insel erneuern, die alten Häuser abreißen, um Platz für Neubauten zu machen. Doch eine Frau stellte sich den Abrissplänen entgegen: „Ihr Name war Barbara Baer Capitman. Wo alle nur eine Slumsiedlung am Meer sahen, sah sie einen Badeort, der umgestaltet und neu aufgebaut werden konnte.“ 1976 gründete sie die Miami Design Preservation League; sie katalogisierte die Gebäude – und erreichte 1979 den Eintrag in eine nationale Denkmalliste. Und das, obwohl die Bauten „technisch gesehen nicht qualifiziert waren, weil sie noch nicht alt genug waren“.

Am 14. Mai 1979 wurde der Miami Beach Architectural District als „erstes städtisches historisches Viertel des Landes aus dem 20. Jahrhundert“ ins National Register of Historic Places aufgenommen. Seither hat sich South Beach von einer Problemzone zu einem der bekanntesten Designviertel der USA entwickelt – ein echtes Bilderbuch-Revival. Mit der Zeit zogen neue Hotelkonzepte für ein besser betuchtes Publikum ein. Was sich noch verändert hat? „Die Gebäude waren früher alle weiß, als sie gebaut wurden. Das lag daran, dass Weiß die billigste Farbe war. Die Farben kamen erst auf, als die Preservation League gegründet wurde.“ Neu gebaute Häuser und Hotels müssen dem Stil des Distrikts treu bleiben – dürfen allerdings nicht einfach die historischen Bauten kopieren.
100 Jahre Art déco: Von Paris nach Miami

Vor allem 2025 und 2026 markieren einen besonderen Zeitpunkt in Miami – denn die Stadt feiert das Jubiläum des Art déco. Der Stil debütierte 1925 auf der Pariser Weltausstellung für modernes Design. „Ursprünglich hieß der Stil Moderne. Erst in den 1960er Jahren wurde der Begriff Art déco populär.“ So schlägt Miami eine Brücke nach Paris: Das Musée des Arts Décoratifs zeigt die Ausstellung „1925-2025. One Hundred Years of Art Deco“ (22. Oktober 2025 bis 26. April 2026). Miami Beach organisierte passend dazu eine kostenlose Outdoor-Ausstellung.
So ist die Tour entlang des Ocean Drive mehr als ein Spaziergang unter Palmen und vorbei an pastellfarbenen, schicken Hotels. Es ist eine Tour, die zeigt, dass Art déco mehr als Nostalgie ist – sie ist ein Stück Geschichte.

Diese Art-déco-Events sollte man nicht verpassen:
- Art déco Weekend (MDPL): wichtigstes Outreach-Programm seit 1977, jährlich im Jänner (feiert 2027 das 50. Jubiläum)
- „1925-2025. One Hundred Years of Art Deco“: Ausstellung – globales Art déco trifft Miami Beachs „Tropical déco“, noch bis Februar 2026
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