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Zwischen Hochgebirge und Hochglanz – im exklusiven Gespräch mit Hubert Messner und Lenz Koppelstätter erkundet Annett Conrad das wahre Südtirol jenseits der Postkartenidylle.

Zwei Persönlichkeiten, die wie kaum andere für die Gegensätze und Verbindungen des Landes stehen, sprechen über Heimat, Identität, Tradition und Wandel. Ein Dialog über die leisen Kräfte der Solidarität, die Schönheit des Maßhaltens und die Kunst, zwischen Moderne und Wurzeln Balance zu halten.

Der Schlern und die Seiser Alm – touristische Hotspots in Südtirol / © Redaktion FrontRowSociety.net

Exklusives Interview mit Hubert Messner und Lenz Koppelstätter

Annett Conrad: Herr Messner, Sie haben als Arzt, Bergsteiger und Landesrat die unterschiedlichsten Facetten Südtirols erlebt – von den Extremen der Natur bis zu den Herausforderungen des Gesundheitswesens. Wenn Sie heute auf Ihre Heimat blicken: Was bedeutet „Südtirol“ für Sie jenseits der touristischen Postkartenidylle?

Hubert Messner: Südtirol hat sich, jenseits der Postkartenidylle, der schönen Landschaft, den traditionellen Dörfern und malerischen Bergen, über die letzten Jahrzehnte in seiner sprachlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Identität stark entwickelt. Aber trotzdem bewegen sich die Südtirolerinnen und Südtiroler in einem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, zwischen regionaler Identität und globalen Einflüssen. Themen wie Mehrsprachigkeit, Südtirol ist geprägt von drei Sprachgruppen – Deutsch, Italienisch und Ladinisch  –, Autonomie, Umweltbelastung, Zuwanderung beziehungsweise Abwanderung von Fachkräften und der Einfluss des Tourismus prägen das gesellschaftliche Leben. Arbeit, Schule, steigende Lebenserhaltungskosten und Wohnraummangel sind Teil des normalen Alltages geworden. Südtirol ist trotzdem ein Land voller Schönheit, aber auch voller Herausforderungen, die wir täglich bewältigen müssen.

Annett Conrad: Herr Koppelstätter, Sie sind als Journalist und Romanautor mit einem wachen Blick für gesellschaftliche Entwicklungen bekannt. Wie haben Sie versucht, im Buch „Unser Südtirol“ die Wirklichkeit dieses Landes zu zeigen – also das Südtirol hinter den Werbebildern und Hochglanzprospekten?

Lenz Koppelstätter: Südtiroler Journalist & Krimiautor ist bekannt durch seine Commissario-Grauner-Reihe / © Foto: Kay Blaschke

Lenz Koppelstätter: Indem ich nicht nur an Orte gedacht habe, sondern an Begegnungen. Schönheit alleine reicht mir nicht. Ich will Begegnungen festhalten, auch Erzählungen, die mir spannende Menschen mit atemberaubenden Biografien entgegenbringen. So kommt Facettenreichtum zutage und nur so, finde ich, kann man einer so vielfältigen Region, wie Südtirol eine ist, gerecht werden. Und wenn diese Personen dazu noch möglichst unterschiedlich sind, umso besser ist das für das wunderbare Potpourri, das so ein Buch braucht: Spitzenkoch und Bergpionier, Künstler und Winzerin, Geistlicher und Almbewohnerin. Ich empfinde es als großes Privileg meines Lebens, als Schriftsteller in so viele Lebensgeschichten eintauchen zu dürfen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Annett Conrad: Sie haben Ihren Bruder Reinhold auf Expeditionen in lebensfeindliche Regionen begleitet. Welche Erfahrungen aus diesen Extremen haben Ihr Verständnis von „Heimat“ geprägt – und was davon lässt sich auf das Leben in den Südtiroler Bergen übertragen?

Hubert Messner: Neonatologe, Autor & Politiker. Er war Chefarzt in Bozen und ist seit 2024 Landesrat für Gesundheit in Südtirol / © Foto: Kay Blaschke

Hubert Messner: Die Erfahrungen in extremen Regionen der Welt im Rahmen von Expeditionen im Hochgebirge und Eiswüsten haben sicherlich mein Verständnis von Heimat geprägt. Das Wort „Heimat“ ist für mich ein sehr bedeutungsschweres Wort, ein emotional behaftetes, mehr Gefühl als objektive Wahrnehmung. In der Abgeschiedenheit, in der Ausgesetztheit, fern von allem Komfort und allem Vertrauten, habe ich gelernt wie klein der Mensch eigentlich ist und was Geborgenheit, Zuverlässigkeit und Zugehörigkeit bedeuten. Was Gemeinschaft bedeutet. Die Einfachheit des Lebens, die Stille, die Kargheit in diesen lebensfeindlichen Gegenden, wo die Menschen mit der Natur und in der Natur leben, machen doch eigentlich Heimat aus. Wenn ich nach solchen Reisen nach Südtirol zurückkomme, fühlt es sich oft an, wie eine Zeitreise in das Vertraute, in das Selbstverständliche verbunden mit Demut für das, was wir haben.

Annett Conrad: Ihre Krimis und Romane sind tief in der Landschaft und Mentalität Südtirols verwurzelt. Wie sehr ist das Schreiben für Sie ein Versuch, Ihre Heimat zu verstehen oder vielleicht sogar zu bewahren – vor dem Verlust durch Kommerz, Wachstum und Vergessen?

Lenz Koppelstätter: All das findet, glaube ich, unterbewusst statt. Vor zehn Jahren, als ich meinen ersten Südtirol-Krimi schrieb, wohnte ich noch in Berlin, wohin ich zum Studieren einst gezogen war. Weil ich als  junger Mann unbedingt weg wollte von dieser Idylle. Das war zu viel des Guten. Ich war hungrig darauf, anderes zu sehen. Nun war ich froh, aus Recherchezwecken wieder viel in Südtirol sein zu müssen. Und ich habe meine alte Heimat mit ganz anderen, nun halbfremden Augen, wiederentdeckt. Hinterste Ecken, die mich früher gar nicht so interessiert hatten. Das Schöne: dass Südtirol weltoffener geworden ist. Junge Menschen kehren zurück, bringen neue Ideen ein. Kulinarik, Wein, Architektur sind heute sehenswert, empfehlenswert. Südtirol ist heute nicht nur ein schöner, auch ein guter Ort zu leben. Ein Stück Provinz, in der es möglich ist, Kosmopolit zu sein. Das weniger Schöne: dass wir manchmal zu vergessen scheinen, dass so ein Ort, so ein Zustand, kein Selbstläufer ist. Dass man ständig daran arbeiten muss, dass es so bleibt und sich gleichzeitig zeitgemäß verändert.

Annett Conrad: Sie engagieren sich seit Jahren für soziale Projekte, etwa auf Bergbauernhöfen und im Gesundheitsbereich. Welche Formen von Solidarität oder Gemeinschaft erleben Sie dort – und was sagt das über das wahre Wesen Südtirols aus?

Hubert Messner: Auf den Bergbauernhöfen oder im Rahmen der sozialen Projekte im Gesundheitsbereich erlebe ich eine Form der Solidarität die nicht laut ist, sondern selbstverständlich gelebt ist. Dort, wo Menschen aufeinander angewiesen sind, ist das Füreinanderdasein für mich der Kit des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der Kit jeglichen sozialen Lebens, wobei das Ehrenamt in Südtirol dazu ein wichtiges Fundament darstellt. Es sind die Menschen, die ihre Zeit in Vereinen, Nachbarschaftshilfe oder in der Pflege zur Verfügung stellen. Die Kultur des Ehrenamtes und des damit zusammenhängenden Engagement ist in Südtirol stark verwurzelt. Gerade in einer Zeit des Individualismus und der Beschleunigung stellt das Ehrenamt ein Gegengewicht dar, das das gesellschaftliche Leben prägt. Es geht dabei um Haltung, um Verantwortung als Ausdruck einer Kultur in der Gemeinschaftssinn selbstverständlich ist, Struktur und Identität gibt.

Atelier Moessmer in Bruneck: Heimatverbundenheit mit der Cook the Mountain Philosophie von Norbert Niederkofler / © Redaktion FrontRowSociety.net

Annett Conrad: In Ihrer Arbeit als Autor sprechen Sie über den Massentourismus und seine Schattenseiten. Wie kann Südtirol Ihrer Meinung nach eine Balance finden zwischen wirtschaftlichem Erfolg und dem Schutz seiner kulturellen und natürlichen Identität?

Lenz Koppelstätter: Das ist sicherlich nur schwer zu beantworten, ich bin als Reisejournalist an viele solche Gegenden gelangt, die genau mit dem Problem kämpfen. Es stimmt einfach häufig, was Hans Magnus Enzensberger seinerzeit gesagt hat, dass der Touristen den Ort, den er sucht, zerstört, indem er ihn findet. Ich habe keine Lösung, ich bin für Tourismus, obwohl mir Begriffe wie Reisen oder Weltenbummeln eigentlich besser gefallen, ich möchte, dass die Menschen sich die Welt anschauen, dass fremde Kulturen sich begegnen. Vielleicht, nur eine Anregung, für Gäste: Handy weglassen. Man war viel mehr da, wenn man es nicht dokumentiert. Und für Gastgeber: Nicht gierig werden. Und: Immer auf sanfte Begegnung setzen. Ein Warnsignal muss immer sein, wenn es die Einheimischen nicht mehr aushalten. Wenn sie genug haben von den Massen. Wenn sie unfreundlich dem Gast gegenüber werden. Dann müssen allerspätestens die Alarmglocken angehen, etwas geändert werden. Weniger Masse. Mehr Qualität.

Annett Conrad: Sie haben den medizinischen Fortschritt in Südtirol entscheidend mitgestaltet und zugleich eine tiefe Verwurzelung in der bäuerlichen Lebenswelt bewahrt. Wie lässt sich Tradition mit Modernität verbinden, ohne dass eine Seite die andere verdrängt?

Hubert Messner: Ich denke nicht, dass Tradition und Modernität Gegensätze sein müssen, beziehungsweise sich gegenseitig verdrängen. Im Gegenteil, sie können sich ergänzen und sind zwei Seiten einer Medaille. Tradition ist für mich nicht das starre Festhalten an Vergangenem, sondern ein Fundament, das Halt und Orientierung gibt und daran erinnert, von wo wir eigentlich herkommen. Modernität auf der anderen Seite bedeutet für mich nicht Entwurzelung oder Entfremdung, sondern Innovation, Technik und Forschung, die Gesellschaft zwar verändern, aber Ungleichheiten verringern können. Innovation und Forschung bedeuten Fortschritt. Es braucht dabei den Bezug zu den Menschen, das Verständnis dafür, denn ohne dieses können wir unsere Zukunft nicht gestalten, uns nicht in jeglicher Hinsicht weiterentwickeln. Wenn wir das „Alte“ als Kompass benutzen, können wir das „Neue“ gestalten ohne uns zu verlieren.

Annett Conrad: Sie beschreiben Südtirol als eine Region zwischen Nord und Süd, zwischen Alpenraum und Mittelmeer. Wie prägt dieses Spannungsfeld die Mentalität der Menschen – und wie spiegelt es sich in Ihren literarischen Figuren wider?

Lenz Koppelstätter: Genau das ist es, was für mich Südtirol ausmacht, was mir an diesem Stück Land gefällt: Mehrere Kulturen nebeneinander und manchmal, heute mehr als gestern, miteinander. Da kann ein Zauber entstehen, der ist anderswo unmöglich. Altes gemeinsam bewahren, Neues gemeinsam zulassen. Über den eigenen Tellerrand hinausschauen, sich für den Nachbarn interessieren. Und wenn man es in solchen Konstellationen schafft, friedlich zusammenzuleben, zu Prosperität zu gelangen, dann darf man schon auch ein Stück weit gemeinsam stolz aufeinander sein. Gerade in den heutigem Zeiten müssen wir Südtiroler uns aber wieder mal beweisen: nicht gegeneinander. Miteinander. Als Südtiroler, egal welcher Religion oder Sprachgruppe, als Italiener, Europäer, Humanisten. Gegensätze sind kulturelle Fundgruben. In meinen Südtirol-Krimis ist das alles allgegenwärtig: Der Commissario, der auch Bauer ist. Der Ispettore, der aus Süditalien stammt. Klischee? Klar. Aber Klischees stimmen ja meistens.

Die Talferbrücke symbolisiert den Übergang vom alten, deutschsprachig geprägten Bozen zur „Neustadt“ des faschistischen Italienisierungsprogramms unter Mussolini. Heute erinnert sie an Spaltung und Diktatur / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad

Annett Conrad: In Zeiten von Klimawandel, Übernutzung der Alpen und gesellschaftlicher Polarisierung: Was glauben Sie, kann Südtirol von seinem eigenen „alten Wissen“ lernen – von Einfachheit, Maßhalten und Respekt gegenüber der Natur?

Hubert Messner: Wissen, Erfahrungen und Geschichten wurden über Generationen weitergegeben beziehungsweise wuchsen über Generationen. Unserer Vorfahren lebten im Rhythmus der Jahreszeiten – das erleben wir immer noch auf unseren Bergbauernhöfen – im Einklang mit der Natur, zufrieden, gelassen und respektvoll vor deren Gewalten und Kreisläufe, auf Nachhaltigkeit notgedrungen ausgerichtet. Gerade heute, in Zeiten von Klimawandel, der Übernutzung der Alpen und der gesellschaftlichen Spannungen, wird dieses alte Wissen unglaublich wertvoll. Einfachheit, Maßhalten und Respekt gegenüber der Natur sind konkrete Strategien des Überlebens im Bewusstsein, dass Wachstum nicht unbegrenzt sein kann. Unsere Ressourcen sind nämlich in jeglicher Hinsicht begrenzt. Die Alpen sind unser Lebensraum und dieser steht unter Druck und wir müssen aus den Erfahrungen der Vergangenheit Orientierung für die Zukunft gewinnen im Sinne von nachhaltigem Tourismus, sorgsamen Umgang mit der Natur, Energie und Mobilität und weniger Flächenverbrauch und mit einem gelebten Miteinander.

Annett Conrad: Zum Abschluss: Wenn Sie einem Menschen, der noch nie in Südtirol war, Ihr Südtirol zeigen dürften – abseits der bekannten Orte – wohin würden Sie ihn führen, und warum?

Lenz Koppelstätter: Zum Schneeberg. In Ratschings. Bei Sterzing. Wo der Mensch, die Industrie, einen Berg ausgehöhlt hat, um möglichst alles aus ihm herauszuholen, was nur aus ihm herauszuholen war. Erze! Als nicht mehr genug zu holen war, ist der Berg wieder sich selbst überlassen worden. Die imposanten Grabegerätschaften wurde einfach zurückgelassen, in den Bergseen versenkt. Dieser Berg, an dem wir gierigen Menschen uns abgezappelt haben, lässt einen nicht kalt. Er ist so hässlich und so schön gleichzeitig. Dieser Berg, der aber, wenn auch ausgehöhlt, immer noch da stehen wird, wenn wir Menschen längst nicht mehr sind. Das bewegt. Das beruhigt. Das macht nachdenklich.

Mein Südtirol erzählt von Menschen, Gipfel und Lieblingsorten
Mein Südtirol erzählt von Menschen, Gipfeln und Lieblingsorten / © Redaktion FrontRowSociety.net

Ich danke Herrn Messner und Herrn Koppelstätter für das ausführliche Interview. Mehr über das gemeinsame Buch „Unser Südtirol“ gibt es hier zu erfahren: Buchrezension: Unser Südtirol – Menschen, Gipfel, Lieblingsorte

FrontRowSociety-Herausgeberin Annett Conrad führte das Interview mit Lenz Koppelstätter und Hubert Messner im November 2025.