Die Alpen stehen unter Druck. Steigende Durchschnittstemperaturen und abnehmende Schneetage zwingen Skigebiete zu immer aufwendigeren Anpassungsstrategien. Eine davon: Snowfarming.
Die Methode wirkt pragmatisch. Schnee, der ohnehin gefallen istwird konserviert. In vielen Regionen gilt Snowfarming als Baustein zur Sicherung des Wintertourismus. Doch wie tragfähig ist dieses Modell?

Ein Wirtschaftsfaktor mit Risiko
Der Wintertourismus ist in vielen Alpenregionen die zentrale Einnahmequelle. In Österreich etwa trägt der Wintertourismus rund 3,6 Prozent zur gesamten Wirtschaftsleistung bei und sichert laut einer Analyse der ING über 150.000 Arbeitsplätze (ING, „Wirtschaftsfaktor Wintersport“, 2023). Besonders in Tirol oder Salzburg hängen ganze Täler nahezu vollständig von den Wintersaisonen ab.

Gleichzeitig zeigen Klimadaten eine klare Tendenz: Laut Umweltbundesamt stehen im Alpenraum im Mittel nur noch rund 70 Tage pro Winter mit ausreichender Schneedecke für Wintersport zur Verfügung (Umweltbundesamt, Monitoring-Bericht „Schneedecke für den Wintertourismus“). Eine Auswertung des Hamburger Bildungsservers auf Basis von Klimamodellen kommt zu dem Ergebnis, dass bei einer globalen Erwärmung um zwei Grad nur noch etwa 60 Prozent der heutigen Skigebiete als schneesicher gelten würden – bei vier Grad sogar weniger als 30 Prozent.

Die wirtschaftliche Abhängigkeit trifft also auf eine zunehmend instabile natürliche Grundlage. Snowfarming soll hier einer von vielen Ansätzen sein, die Skigebiete wintersporttauglich zu halten.
Das Prinzip Snowfarming
Snowfarming – wörtlich „Schneeanbau“ – beschreibt die Konservierung von Schnee über den Sommer hinweg. Das Verfahren wird seit den 1990er-Jahren vor allem im nordischen Skisport eingesetzt. Die Methode ist technisch simpel, aber logistisch anspruchsvoll:
Im Spätwinter wird überschüssiger Schnee, entweder Naturschnee oder bereits produzierter Kunstschnee, zu großen Depots zusammengeschoben. Diese Schneeberge werden mit einer isolierenden Schicht aus Sägemehl, Holzhackschnitzeln oder speziellen Geotextilien abgedeckt. Die Isolierung reduziert den Wärmeeintrag erheblich.

Nach Angaben der WirtschaftsWoche („Altschnee soll den Wintersport retten“, 2016) lassen sich so bis zu 80 Prozent des eingelagerten Schnees über den Sommer retten. Im Herbst wird der konservierte Schnee wieder verteilt, häufig als Basis für Loipen oder zentrale Pistenabschnitte.
Praxisbeispiele aus den Alpen
In Tirol nutzt etwa Kitzbühel Snowfarming, um frühzeitig Trainingspisten bereitzustellen. Auch in Davos sowie in skandinavischen Langlaufzentren wird das Verfahren regelmäßig angewandt.
Ein häufig zitiertes Beispiel ist das schwedische Langlaufzentrum in Torsby, das jährlich mehrere zehntausend Kubikmeter Schnee konserviert, um bereits im Herbst Trainingsbedingungen anbieten zu können. Betreiber berichten dort laut WirtschaftsWoche, dass ohne Snowfarming internationale Wettkämpfe und Trainingslager nicht planbar wären.

Auch in Deutschland wurde Snowfarming für Weltcup-Veranstaltungen genutzt, etwa bei Skisprung- und Langlaufwettbewerben in Titisee-Neustadt. Der Deutsche Skiverband erklärte in diesem Zusammenhang, dass die Methode „Planungssicherheit bei Großveranstaltungen“ schaffe (WirtschaftsWoche, 2016).

Der Tiroler Seilbahner Franz Hörl, Obmann des Fachverbands der Seilbahnen in der Wirtschaftskammer Österreich, betonte mehrfach, dass technische Lösungen wie Beschneiung und Snowfarming notwendig seien, um „Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze in den Regionen zu sichern“ (zitiert nach verschiedenen Medienberichten der Wirtschaftskammer Österreich).

Gleichzeitig äußern Klimaforscher Skepsis. Der Südtiroler Glaziologe Georg Kaser, langjähriger Leitautor des Weltklimarats (IPCC), sieht den modernen Skitourismus kritisch. Er verweist auf hohen Energiebedarf für Beschneiung, erheblichen Wasserverbrauch sowie die CO₂-intensive Anreise und Infrastruktur. In seiner „hochenergetischen“ Form sei Wintersport kaum mit Klimazielen vereinbar. Auch der deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf betont, dass fortgesetzte Emissionen aus Verkehr und Tourismus die Erderwärmung weiter antreiben.
Vorteile von Snowfarming
- Planbare Saisonstarts – frühe Öffnungen bereits im Oktober oder November
- Reduzierter Beschneiungsdruck – Schneeproduktion erfolgt im Winter bei optimalen Temperaturen
- Wettbewerbsvorteile – Trainings- und Eventstandorte sichern sich internationale Aufmerksamkeit
- Teilweise Ressourceneffizienz – bereits produzierter Schnee wird weiterverwendet
Nachteile und Grenzen
- Hohe Investitions- und Betriebskosten – für flächendeckende Anwendung kaum wirtschaftlich
- Flächen- und Materialaufwand – große Lagerplätze und Abdeckmaterialien erforderlich
- Keine Lösung für ganze Skigebiete – meist nur für Kernbereiche praktikabel
- Klimatische Abhängigkeit – extreme Hitzeperioden erhöhen Schmelzverluste

Zwischen Anpassung und Aufschub
Laut der Alpenorganisation CIPRA arbeiten bereits heute bis zu ein Viertel der Skigebiete defizitär (CIPRA, Positionspapier Wintertourismus). Gleichzeitig steigen Investitionen in Beschneiung, Speicherteiche und Infrastruktur kontinuierlich.
Snowfarming erscheint daher weniger als Allheilmittel, sondern als Übergangsstrategie. Es konserviert nicht nur Schnee, sondern auch Zeit, und zwar Zeit für Regionen, ihre wirtschaftliche Abhängigkeit vom Wintertourismus zu diversifizieren.
Die Frage bleibt: Wie lange lässt sich der Winter technisch verlängern, wenn sich das Klima strukturell verändert? Snowfarming zeigt, wie kreativ und wie angespannt die alpine Tourismuswirtschaft inzwischen agiert.

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