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Wenn die englischen Passagiere in London von Bord gehen, haben die deutschen die „Astor“ bis Bremerhaven für sich. Eine perfekte Gelegenheit auch, vorher noch die britische Hauptstadt unsicher zu machen.

Diesmal stehen jedoch nicht die hinlänglich bekannten Sehenswürdigkeiten Londons auf unserem Programm, sondern ein eher unbekannter Teil der englischen Metropole: das Südufer der Themse. Unser Apartment liegt im Stadtteil Bermondsey, zusammen mit dem benachbarten Rotherhithe noch im 17. Jahrhundert eine Art Gartenstadt. Spätestens im 19. Jahrhundert verkam diese jedoch mit der zunehmenden Industrialisierung Londons zu einem Slum armer Hafen-, Bahn- und Landarbeiter. Hier befanden sich die Surrey Commercial Docks, seinerzeit eines der größten zusammenhängenden Hafen-, Schleusen- und Docksysteme der Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die meisten davon zugeschüttet und bebaut, nur das fast 700 Meter lange Greenland Dock (und das kleinere South Dock nebenan) zeugt noch heute vom vergangenen imperialen Ruhm des „Port of London“.

Das Greenland Dock ist das einzige große Hafenbecken des alten Port of London, das weitgehend im Ursprungszustand belassen worden ist. Im Hintergrund die Bürotürme von Canary Wharf
Das Greenland Dock ist das einzige große Hafenbecken des alten Port of London, das weitgehend im Ursprungszustand belassen worden ist. Im Hintergrund die Bürotürme von Canary Wharf / © FrontRowSociety.net, Foto: Kai Ortel

Unser Spaziergang durch das London jenseits der Tower Bridge führt uns anschließend zu den King’s Stairs Gardens, einem kleinen Park direkt am Themse-Ufer. Die Attraktion dieses Fleckens der britischen Hauptstadt befindet sich jedoch unter uns. Es ist der Thames Tunnel, der erste jemals gebaute Fußgängertunnel, der einen großen Fluss unterquerte. Er verbindet Rotherhithe mit dem gegenüberliegenden Stadtteil Wapping und wurde 1843 fertig gestellt. Das technische Meisterwerk war allerdings finanziell wie konzeptionell ein Reinfall. Für Pferdefuhrwerke nicht breit genug, blieb er lange Zeit ein reiner Fußgängertunnel, der weniger Touristen, dafür aber umso mehr Taschendiebe, Prostituierte und Kriminelle anzog. 1869 fuhren schließlich die ersten Züge durch das enge Gewölbe, und dabei ist es bis heute geblieben.

Das alte Pumpenhaus des Thames Tunnel in Rotherhithe beherbergt heute ein Museum zur Geschichte des Bauwerks
Das alte Pumpenhaus des Thames Tunnel in Rotherhithe beherbergt heute ein Museum zur Geschichte des Bauwerks / © FrontRowSociety.net, Foto: Kai Ortel

Von London nach Tilbury

Vom Thames Tunnel führt der Thames Path, ein Fußgängerweg mit regelmäßigem Flussblick, vorbei am altehrwürdigen Mayflower Pub zum Concordia Wharf, zum St. Saviour’s Dock und zum Butler’s Wharf. Hier standen im viktorianischen England die größten Lagerhäuser des Landes; erst in den 1980er und -90er Jahren wurden sie zu begehrten Wohn- und Investitionsobjekten umgebaut. Am Butler’s Wharf, ehedem das größte Tee-Lagerhaus der Welt, beginnt dann schließlich das London der Touristen, denn am Fuß des Gebäudes steht die berühmte Tower Bridge.

Am Butler’s Wharf, wo einst Tee umgeschlagen wurde, befindet sich heute am Fuße der Tower Bridge eine beliebte Flaniermeile
Am Butler’s Wharf, wo einst Tee umgeschlagen wurde, befindet sich heute am Fuße der Tower Bridge eine beliebte Flaniermeile / © FrontRowSociety.net, Foto: Kai Ortel

Die soll uns aber heute nur dazu dienen, zügig zum Bahnhof Fenchurch Street zu gelangen, dem Ausgangspunkt der Vorortbahn nach Tilbury, wo nachher die „Astor“  ablegt. Doch auch in Tilbury gibt es vor der maritimen Geschichte Englands kein Entkommen. Eine Themse-Fähre zum Nachbarort Gravesend gab es hier bereits im 16. Jahrhundert; seine Blüte erlebte Tilbury jedoch 400 Jahre später. Diverse Reedereien nutzten den Hafen nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg als Ausgangspunkt ihrer Schiffsverbindungen nach Übersee, als deren Liner für die Londoner Docks zu groß geworden waren. Auch das heutige „London International Cruise Terminal“ stammt aus jener Zeit.

Zu Beginn ihrer Nordeuropa-Saison hat die „Astor“ an der berühmten Tilbury Landing Stage festgemacht
Zu Beginn ihrer Nordeuropa-Saison hat die „Astor“ an der berühmten Tilbury Landing Stage festgemacht / © FrontRowSociety.net, Foto: Kai Ortel

Die „Astor“ hat mit all dem allerdings gar nichts zu tun. Sie wurde 1987 auf südafrikanische Rechnung gebaut, gehörte lange Zeit der sowjetischen Staatsreederei, fuhr unter Hammer- und Sichel-Flagge für westdeutsche Reiseveranstalter und gehört seit 2014 der griechischen Global Cruise Line. Die wiederum ist Hauptanteilseignerin an Transocean Kreuzfahrten in Offenbach. Das „Astor“-Publikum ist übrigens reiferen Alters, ausschweifende Partys darf man in den nächsten 24 Stunden eher nicht erwarten. Dafür geht der Willkommenssekt auf dem Pooldeck aufs Haus, das schöne Wetter hält am Nachmittag an, und die gebuchte Innenkabine ist durch wundersame Fügung zur Suite geworden. So darf natürlich jede Kreuzfahrt beginnen.

Revierfahrt auf der Themse. Im Vergleich zu modernen Kreuzfahrtschiffen verfügt die „Astor“ über außergewöhnlich großzügige offene Außendeckflächen
Revierfahrt auf der Themse. Im Vergleich zu modernen Kreuzfahrtschiffen verfügt die „Astor“ über außergewöhnlich großzügige offene Außendeckflächen / © FrontRowSociety.net, Foto: Kai Ortel

Deutsch-russische Gemütlichkeit

Neben dem Passagier- hat in Tilbury auch ein Crew-Wechsel stattgefunden; seitdem spricht ein Großteil der Besatzung nicht mehr Englisch, sondern ein liebenswertes Deutsch mit russischem bzw. osteuropäischem Akzent. Darüber hinaus begrüßt auch Kapitän Andrej Lisnychy zu Beginn der abendlichen Show seine Passagiere mit einer kleinen Rede in deutscher Sprache. Die „Astor“ ist da bereits auf der Nordsee, die am Abend einem Ententeich gleicht. Einem geruhsamen Schlaf steht damit nichts im Wege, und weil es so schön ist in Suite 108, lassen wir heute Nacht einfach mal die Vorhänge auf und uns morgen früh von der Morgensonne wecken.

„Astor“-Suite Nr. 108 lässt in Punkto Größe und Ausstattung kaum Wünsche offen
„Astor“-Suite Nr. 108 lässt in Punkto Größe und Ausstattung kaum Wünsche offen / © FrontRowSociety.net, Foto: Kai Ortel

Für 11 Uhr am nächsten Vormittag steht im Bordprogramm: „Ihr Kapitän gibt einen aus!“ Und richtig. „Gute Stimmung mit dem besten Bier der Welt – dem Freibier“ verspricht die Reiseleitung, und diese Einladung schlägt natürlich fast niemand an Bord aus. Dass das Lucky Duo dazu „Joana“ von Roland Kaiser und andere deutsche Schlager mit starkem osteuropäischen Akzent intoniert, sollte man allerdings mögen. Selbiges gilt auch für „Ein Prosit der Gemütlichkeit“, das Kreuzfahrtdirektor André am Pool stilecht in Lederhosen zum Besten gibt. Die Stimmung ist prächtig an Bord, zumal uns der Wettergott wieder äußerst wohl gesonnen ist. Man sitzt mit Decke auf dem Schoß und Buch bzw. Bierglas in der Hand im Liegestuhl und schippert mit gemächlichen 15 Knoten Bremerhaven entgegen.

Blick von der Sonnenterrasse zum elegant geschwungenen Schornstein, einem Markenzeichen der „Astor“
Blick von der Sonnenterrasse zum elegant geschwungenen Schornstein, einem Markenzeichen der „Astor“ / © FrontRowSociety.net, Foto: Kai Ortel

Entspannte Stunden auf der Nordsee

Eine Stunde später meldet sich Kapitän Lisnychy nach dem traditionellen Läuten der Schiffsglocke in makellosem Englisch mit seiner täglichen Durchsage von der Brücke. Die See sei „very smooth“, allerdings würden wir Bremerhaven heute trotzdem erst mit ca. zwei Stunden Verspätung gegen 17 Uhr erreichen. Grund hierfür sei eine starke Gegenströmung aus der Deutschen Bucht, gegen die sein Schiff regelrecht ankämpfen müsse. Die Passagiere nehmen dies gelassen hin, schließlich ist Wochenende, und es ist trocken und fast sommerlich warm an Deck. Wo überdies auch die Kinder des Kapitäns herumtoben, die dieser zusammen mit seiner Frau auf die Reise nach Bremerhaven mitgenommen hat. Wahrlich eine familiäre Atmosphäre an Bord!

Unter der Kommandobrücke haben die Passagiere der „Astor“ freien Blick über den Bug des Schiffes
Unter der Kommandobrücke haben die Passagiere der „Astor“ freien Blick über den Bug des Schiffes / © FrontRowSociety.net, Foto: Kai Ortel

Gegen 14 Uhr kommen uns das erste Containerschiff und der erste Weserlotse aus Bremerhaven entgegen. Nun ist es nicht mehr weit. Auch der Leuchtturm Roter Sand ist wenig später ein untrügliches Zeichen dafür, dass unsere Reise dem Ende entgegen geht. Bis dahin genießen die Passagiere den Kurztrip noch mit Lektüre und Small Talk an Deck. Auch Schlemmen ist am frühen Nachmittag noch einmal angesagt, denn zur Mittagszeit öffnen die Restaurants noch einmal ihre Pforten. Um kurz nach 16 Uhr schließlich legt die „Astor“ an der Columbuskaje an. Reedereien wie Aida, TUI Cruises und andere mögen den deutschen Kreuzfahrtmarkt in den letzten Jahren regelrecht umgekrempelt haben. Schiffe wie die „Astor“ gehören jedoch auch weiterhin ebenso dazu. Sie mag weniger groß sein und weniger jugendlich, macht das aber nicht zuletzt mit einer familiären Atmosphäre und einer herzlichen Crew mehr als wett.

Kurz vor der Ankunft der „Astor“ an der Bremerhavener Columbuskaje passiert das Schiff die Container-Pier an der Wesermündung
Kurz vor der Ankunft der „Astor“ an der Bremerhavener Columbuskaje passiert das Schiff die Container-Pier an der Wesermündung / © FrontRowSociety.net, Foto: Kai Ortel

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