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Das weltweit größte Automuseum steht im französischen Mulhouse und beherbergt mehr als 400 seltene und wertvolle Fahrzeuge. Zu verdanken ist die außergewöhnliche Sammlung zwei Kollektoren namens Fritz und Hans Schlumpf.

Der Phaeton Type 56 wurde 1931 von Ettore Bugatti in dreifacher Ausführung hergestellt und diente als Fortbewegungsmittel auf seinem Werksgelände in Molsheim
Der Phaeton Type 56 wurde 1931 von Ettore Bugatti in dreifacher Ausführung hergestellt und diente als Fortbewegungsmittel auf seinem Werksgelände in Molsheim / © FrontRowSociety.net, Foto Yvonne Asel

Die Anfänge der Sammelleidenschaft

Die Geschwister teilten eine große Leidenschaft für Automobile, wobei vor allem die Marke Bugatti ihre Herzen höherschlagen ließ. Dabei eilte dem Hersteller damals nicht der beste Ruf voraus. Das Fahrgefühl sei zwar einsame Spitze, aber die Bremsen ließen zu wünschen übrig, lauteten einige der Kundenstimmen. Herrn Bugatti störte das kaum, schließlich waren seine Autos zum Fahren gemacht, nicht zum Anhalten. Und so kaufte sich Fritz sein erstes Modell im zarten Alter von 22 Jahren, doch es sollte bei weitem nicht das letzte sein.

Der Type 35 B Biplace war der Auslöser für Fritz‘ Leidenschaft für Bugatti. Er fuhr zahlreiche Bergrennen damit. Bis zum Schluss blieb dieses Modell „der“ Bugatti von Schlumpf
Der Type 35 B Biplace war der Auslöser für Fritz‘ Leidenschaft für Bugatti. Er fuhr zahlreiche Bergrennen damit. Bis zum Schluss blieb dieses Modell „der“ Bugatti von Schlumpf / © FrontRowSociety.net, Foto Yvonne Asel

Das nötige Kleingeld für die immer größer werdende Obsession stammte unter anderem von dem Umsatz einer Spinnerei, die die Schlumpf-Brüder Mitte der 1950er Jahre übernahmen. Kam Fritz zu Ohren, dass irgendwo ein Bugatti zum Verkauf stand, reiste er durch ganz Europa und kaufte oft den ganzen Fuhrpark auf, darunter viele der damals bereits als Klassiker geltenden Marken wie Mercedes-Benz, Rolls-Royce und Ferrari. Als Garage diente die Spinnerei, doch nur ein enger Kreis wusste von der exzessiven Sammlung. Niemand ahnte, dass die neu eingestellten „Textilarbeiter“ in Wahrheit Restauratoren und Mechaniker waren, die sich unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit um die Reparaturen der Kollektion kümmerten. So blieb der Fuhrpark bis in die späten 1970er Jahre ein gut gehütetes Geheimnis.

Der Delamare-Debouteville et Malandin ist das erste Auto, das in einem französischen Patent von 1884 erwähnt wird
Der Delamare-Debouteville et Malandin ist das erste Auto, das in einem französischen Patent von 1884 erwähnt wird / © FrontRowSociety.net, Foto Yvonne Asel

Wirtschaftliche Schwierigkeiten und der große Aufschrei

Zu diesem Zeitpunkt geriet ihre primäre Einkommensquelle zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Monatelang erhielten die Arbeiter erst keinen Lohn und wurden dann noch entlassen. Das ruft nach einem Streik, dachten sie sich, und besetzten kurzerhand die Fabrik. Als sie in dem Rahmen den riesigen Fuhrpark entdeckten, war der Aufschrei groß. Ursprünglich sollte die Demonstration der Gekündigten nur einen Tag lang andauern, doch die Angestellten blieben ganze zwei Jahre und forderten nun, dass die Schlumpf-Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Provisorisch wurde ein Museum eröffnet.

Hoch auf dem gelben Wagen benötigte der Fahrer viel Geschick, denn jeder der vier Gänge wurde beim Menier Double-Phaéton mit einem separaten Pedal gesteuert
Hoch auf dem gelben Wagen benötigte der Fahrer viel Geschick, denn jeder der vier Gänge wurde beim Menier Double-Phaéton mit einem separaten Pedal gesteuert / © FrontRowSociety.net, Foto Yvonne Asel

Der Wandel zur öffentlichen Ausstellung

Als es die Runde machte, das die Spinnerei bankrott war und massig wertvolle Autos in den Räumlichkeiten parken, kamen Investoren von nah und fern, um gleich die gesamte Kollektion aufzukaufen. Doch das wusste die Stadt zu verhindern, indem sie die Fahrzeuge unter Denkmalschutz stellte. Kurzum gründete der Franzose Jean Panhard im Jahre 1981 einen Verein und kaufte der Stadt die Sammlung für 44 Million Franc ab. Viel zu wenig, wütete Fritz Schlumpf aus der Ferne, denn mittlerweile befand er sich im Exil in der Schweiz.

Der Bugatti Biplace Course Type 32 mit vollverkleideter Karosserie und revolutionärer Formgebung erreichte beim „Tag der Rekorde“ in Aparjon eine Höchstgeschwindigkeit von 189 km/h
Der Bugatti Biplace Course Type 32 mit vollverkleideter Karosserie und revolutionärer Formgebung erreichte beim „Tag der Rekorde“ in Aparjon eine Höchstgeschwindigkeit von 189 km/h / © FrontRowSociety.net, Foto Yvonne Asel

Erinnerungen eines Zeitzeugen

Ein Zeitzeuge, der gar nicht genug Worte über die nervenaufreibenden Geschehnisse verlieren kann, ist Jean-Paul Fischesser. Als die Spinnerei noch florierte, spielte er als kleiner Junge auf dem Fußballplatz keine 700 Meter weiter weg. Als die Arbeiter streikten, war er vor Ort und staunte nicht schlecht über die versteckten Fahrzeuge. Auch als das Museum 1982 offiziell seine Pforten öffnete, war er mit großer Begeisterung dabei. Heute, an seinem Geburtstag, gibt der Rentner seine 1561. Führung durch das Musée National de l’Automobile. Es ist schon lange seine zweite Heimat geworden und er weiß weit mehr über die Fahrzeuge, als man den dreisprachigen Schildern entnehmen kann.

Dank Augmented Reality kann Jean-Paul Fischesser die alte Karosserie in Windeseile restaurieren
Dank Augmented Reality kann Jean-Paul Fischesser die alte Karosserie in Windeseile restaurieren / © FrontRowSociety.net, Foto Yvonne Asel

Er lotst Autoliebhaber durch die heiligen Hallen, die nunmehr aus drei Teilen bestehen. Ein Bereich behandelt die Geschichte des Automobils von 1878 bis heute, in einer weiteren Abteilung liegt der Fokus auf historischen Rennwagen. Ein besonderes Highlight der schönsten Autos aus den 30er Jahren, zu finden in der Ausstellung „Chefs-d’Oeuvre“, sind Modelle des Bugatti Royale, von denen weltweit nur sechs existieren.

Der 12 Liter-Motor des Bugatti Royale bringt 300 PS auf die Straße und wiegt drei Tonnen
Der 12 Liter-Motor des Bugatti Royale bringt 300 PS auf die Straße und wiegt drei Tonnen / © FrontRowSociety.net, Foto Yvonne Asel

Erweiterung der Sammlung

Die Grundlage des Museums bildet nach wie vor die private Sammlung der Brüder Schlumpf, über die Zeit sind jedoch auch andere Fahrzeuge hinzugekommen. Eine Zuordnung ist recht einfach, wenn man den Trick kennt: Haben die Autos noch ein Kennzeichen, wurden sie nicht von Fritz Schlumpf gekauft. Denn der Sammler hat alle Nummernschilder, bis auf sein eigenes, das immer gleichblieb, stets entfernt.

Bugatti braucht Geld und Peugeot ein zuverlässiges Auto. So entstand 1913 der Torpedo Type BB
Bugatti braucht Geld und Peugeot ein zuverlässiges Auto. So entstand 1913 der Torpedo Type BB / © FrontRowSociety.net, Foto Yvonne Asel

Aktuelle Sonderausstellung

Derzeit gibt es im Musée National de l’Automobile in Mulhouse die Sonderausstellung „Von Monaco nach Mulhouse“, die eine Auswahl an Fahrzeugen aus der Sammlung von Prinz Albert II. zeigt. Der einstige Bolzplatz von Jean-Paul Fischesser ist einem Autodrom gewichen, auf dem Testfahrten mit ausgewählten Oldtimern möglich sind. Fritz Schlumpf würden die Neuerungen sicher gefallen. Er kam allerdings nur noch ein einziges Mal zurück zu seinen Schätzen, als 1990 alle der sechs produzierten Bugatti Royale gleichzeitig im Museum ausgestellt wurden.

Das Nash-Healey Cabriolet von Prinz Albert II. gehört zu den allerersten Sportwagen, die nach dem Krieg produziert wurden. Es hat ein englisches Fahrgestell, einen amerikanischen Motor und eine italienische Karosserie
Das Nash-Healey Cabriolet von Prinz Albert II. gehört zu den allerersten Sportwagen, die nach dem Krieg produziert wurden. Es hat ein englisches Fahrgestell, einen amerikanischen Motor und eine italienische Karosserie / © FrontRowSociety.net, Foto Yvonne Asel

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