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Bei vielen Gedenktagen weiss man gar nicht, warum es sie gibt und wenn ja warum an dem bestimmten Tag. Beim Tag des Deutschen Bieres, dem 23. April, ist das anders. Er bezieht sich auf ein historisch belegtes Datum. Den Tag, an dem im Jahr 1516 der bayerische Herzog Wilhelm IV in Ingolstadt das Reinheitsgebot verkündete. Seitdem gehört in deutsches Bier nur Wasser, Gerstenmalz, Hopfen und damals noch nicht explizit erwähnt, aber stets mit von der Partie, die Hefe.

Es gibt sie noch, die Orte an denen seit Jahrhunderten Bier gebrauht wird. Die Oberpfalz ist bekannt für ihre Zoigl-Kultur. In Kommunbrauhäusern wird hier auf traditionelle Weise Bier gebraut / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Es gibt sie noch, die Orte an denen seit Jahrhunderten Bier gebrauht wird. Die Oberpfalz ist bekannt für ihre Zoigl-Kultur. In Kommunbrauhäusern wird hier auf traditionelle Weise Bier gebraut / © Foto: Georg Berg

Das schlägt dem Fass den Boden aus!

Seit diesem Tag im April 1516 konnten die Beamten des Herzogs den Panschern unter den Bierbrauern Einhalt gebieten. Fässern mit einem Inhalt, der nicht dem Reinheitsgebot entsprach, wurde kurzerhand der Boden ausgeschlagen. Die Redewendung ist bis heute ein Ausruf der Empörung. Ganz aktuell leiden kleinere Brauereien, die hauptsächlich Faßbier produzieren unter der Corona-Pandemie. Sie werden ihr Bier nicht mehr los, da die Kneipen geschlossen haben und Veranstaltungen nicht möglich sind. Sie müssen es schlimmstenfalls entsorgen. Um das zu vermeiden sind Düsseldorfer Brauer eine Kooperation mit Bäckereien eingegangen. Es wurde ein Altbierbrot kreiert, dessen Verkaufserlös den darbenden Brauereien zugute kommt.

Kurz vor dem Siedepunkt fügt Braumeister Sepp Neuber aus der Gemeinde Falkenberg Hopfen zur Stammwürze des zukünftigen Zoigl-Bieres. Das Aufkochen macht Bier zu einem „sicheren“ Getränk / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Kurz vor dem Siedepunkt fügt Braumeister Sepp Neuber aus der Gemeinde Falkenberg Hopfen zur Stammwürze des zukünftigen Zoigl-Bieres. Das Aufkochen macht Bier zu einem „sicheren“ Getränk / © Foto: Georg Berg

Zurück in die Zeit, als Bier das Hauptgetränk war. Sogar für Kinder. Während der Sud aufgekocht wird, werden Krankheitserreger abgetötet und das hat das Bier bekömmlicher gemacht als das damals verfügbare Trinkwasser. Doch bevor Hopfen verwendet wurde, gab so mancher Bierbrauer zur Haltbarmachung seltsame Zutaten hinein. Waren sie harmlos, so wurde nur der Geschmack beeinträchtigt. Im schlimmsten Fall aber machten sie krank und waren mitunter tödlich. Es wird von abenteuerlichen Zusätzen wie Kreidemehl, Eier, Fichtenspäne, Ochsengalle, Stechapfel oder Fliegenpilz berichtet. Damit war durch den Erlass vor über 500 Jahren Schluss.

Großes Hefe-Kännchen in der Rauchbierbrauerei Schlenkerla in Bamberg. Bier darf nur aus Wasser, Hopfen und Gerste bestehen. Hefe ist im Erlass von 1516 nicht erwähnt worden / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Großes Hefe-Kännchen in der Rauchbierbrauerei Schlenkerla in Bamberg. Bier darf nur aus Wasser, Hopfen und Gerste bestehen. Hefe ist im Erlass von 1516 nicht erwähnt worden / © Foto: Georg Berg

Noch heute gültig – Vier Zutaten sollen es sein

Im Reinheitsgebot von 1516 wurde die vierte Zutat, die Hefe nicht erwähnt. Damals kannte man ihre Wirkungsweise noch nicht. Die sich im Verlauf der Gärung vermehrende Hefe wurde damals als Produkt der Bierbereitung angesehen, nicht als Zutat. Später erst gelang es, Hefe zu züchten und damit auch eine gleichbleibende Qualität des Bieres sicherzustellen.

Offene Biergärung in der Brauerei Landskron in Görlitz / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Offene Biergärung in der Brauerei Landskron in Görlitz / © Foto: Georg Berg

Bamberger Rauchbier – eine echte Bierlegende

Auch nach dem Erlass von 1516 war allen Bieren ein Raucharoma gemein. Das Gerstenmalz ist ein kurz gekeimtes und wieder getrocknetes Getreide. Beim Trocknen in der Darre kommen durch ein Feuer mit Harthölzern wie Eiche und Buche Raucharomen in das Malz und später auch in den Biersud. Noch heute wird in der Rauchbierbrauerei Schlenkerla in Bamberg ein Rauchbier produziert, dass uns eine Vorstellung davon gibt, wie Bier im Mittelalter geschmeckt haben könnte. Hier geht es zur Reportage über die Rauchbierbrauerei Schlenkerla in Bamberg

Matthias Trum von der Schlenkerla Bräu in 6. Familiengeneration vor dem Holzofen. In der Hand hält er eine Zeichnung zur industriellen Malztrocknung nach Sir Nicholas Halse. Die Engländer waren die ersten, die den Rauch aus dem Bier verbannten. Um 1800 wurde durch Georg Sedlmeyer von der Münchner Spaten-Brauerei die erste Nichtrauch-Darre auch in Deutschland gebaut / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Matthias Trum Chef der Schlenkerla Bräu in 6. Generation vor dem Holzofen, der die Darre befeuert. In der Hand hält er eine Zeichnung über die industrielle Malztrocknung, die dazu führte, dass der Rauchgeschmack aus dem Bier verbannt werden konnte / © Foto: Georg Berg

Die Oberpfalz und ihre Zoigl-Kultur – Ein Stern als Bieranzeiger

Die Oberpfalz ist ein guter Ort für eine Zeitreise zum Thema Bier. Zoigl wird traditionell nur in wenigen Gemeinden der Oberpfalz von Privatleuten, für den Eigenbedarf gebraut. Das Braurecht dazu ist im Grundbuch eingetragen und wird mit den zugehörigen Gebäuden verkauft oder vererbt.

Ausflüge in Orte wie Mitterteich oder Falkenberg bieten sich an, um die mittelalterliche Zoiglkultur kennenzulernen. Das Wesen der Zoigl-Tradition kann man in öffentlich zugänglichen Zoigl-Stuben erleben, die das Bier nach einem Zoigl-Kalender in wöchentlich wechselndem Turnus zusammen mit einfachen Gerichten verzapfen. Ist die Zoigl-Stube geöffnet, so wird dies durch einen Zoiglstern am Haus angezeigt. Hier geht es zur Reportage über die Oberpfalz und ihre Zoigl-Kultur.

Hier wird frisches Zoigl-Bier in den Garten des alten Pfarrhofs gebracht
Hier wird frisches Zoigl-Bier in den Garten des alten Pfarrhauses in Altenstadt in der Oberpfalz gebracht / © Foto: Georg Berg

Der traditionelle Brauprozess in einem Kommunbrauhaus

Der klassische Brauprozess ist regionales Kulturgut der Oberpfalz. Die Abläufe an einem typischen Brautag werden seit Generationen von der Zoigl-Rezeptur und der besonderen Konstruktion des denkmalgeschützten Brauhauses bestimmt. Wir haben in einer Reportage über den traditionellen Brauprozess den Brauvorgang im alten Kommunbrauhaus in Falkenberg begleitet.

Der Brauprozess im alten Kommunbrauhaus steht kurz vor dem Ende. Die Stammwürze ist abgekühlt und wird aus dem Kühlschiff in Holzbottiche gefüllt / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Der Brauprozess im alten Kommunbrauhaus steht kurz vor dem Ende. Die Stammwürze ist abgekühlt und wird aus dem Kühlschiff in Holzbottiche gefüllt / © Foto: Georg Berg

The Reinheitsgebot – auch international ein Begriff

Das Reinheitsgebot auf Basis des bayerischen Erlasses gilt bis heute. Bier ist und bleibt ein Naturprodukt. Auch das Grundprinzip des Brauens hat sich nicht verändert. Im Unterschied zu Brauereien im Ausland, dürfen deutsche Brauer bis heute keine künstlichen Aromen, keine Enzyme und keine Konservierungsstoffe verwenden. Im Ausland wird vom German Beer Purity Law gesprochen. Aber auch the Reinheitsgebot wird unter Bierkennern verstanden.

Die Bierothek in Bamberg führt Biersorten aus aller Welt. Als Braumeister und Biersommelier kann Inhaber David Hertl viel über die Biere, ihre Zutaten und die Herstellung sagen / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Die Bierothek in Bamberg führt Biersorten aus aller Welt. Als Braumeister und Biersommelier kann Inhaber David Hertl viel über die Biere, ihre Zutaten und die Herstellung sagen / © Foto: Georg Berg

Bier – eine süffige Wissenschaft

Das Reinheitsgebot hat in Zeiten, in denen immer wieder Lebensmittelskandale aufgedeckt werden, nichts an Aktualität verloren. Mehr als 6.000 charakteristische Biere sind es, die in Deutschland gebraut werden. Dass sie alle unterschiedlich schmecken, liegt an vielen verschiedenen Faktoren: an der Rezeptur, am Brauwasser, an der Art, wie das Getreide gemälzt wird, an den Aromen des verwendeten Hopfens und nicht zuletzt auch an der Individualität des Braumeisters. Wer sich mehr als ein paar Stammtisch-Weisheiten in Sachen Bierbraukunst drauf schaffen möchte, hat dazu viele Gelegenheiten. Eine davon ist ein Abend mit einem Biersommelier.

Ein Biersommelier ist immer auch Geschichtenerzähler und verknüpft sein Bierwissen mit Anekdoten ums Bierbrauen und Biertrinken / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Ein Biersommelier ist immer auch Geschichtenerzähler und verknüpft sein Bierwissen mit Anekdoten ums Bierbrauen und Biertrinken / © Foto: Georg Berg

Der gelernte Bierbrauer Georg Hiernickel stammt aus einer fränkischen Brauereifamilie. Hiernickel hält kurzweilige Vorträge und vereint Wissenswertes und Humorvolles aus der Welt der Brauer, Mälzer und Biertrinker. Es geht dabei um die Bierproduktion in alter und neuer Zeit, um Rohstoffe und natürlich das Reinheitsgebot. Er spricht von der Vielfalt der Bieraromen, die es zu entdecken gibt und stellt Hausbraubier, Kellerbier, Zwickelbier und Märzen vor.

Bier und Gesellschaft

Normalerweise wird der Tag des Deutschen Bieres im ganzen Land gefeiert. Brauer, Gastronomen, Getränkehändler und viele andere begehen in normalen Jahren den 23. April mit Aktionen wie Brauereifesten, Lesungen, Jazzfrühschoppen, Bierseminaren, Braukursen und Brauereibesichtigungen.

Mögen sich die Biertempel dieser Welt bald wieder mit Leben und frisch gezapften Bier füllen. An dieser Schutzhütte wurden im Laufe der Zeit auf jeden Fall schon viele Bierchen gezischt / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Mögen sich die Biertempel dieser Welt bald wieder mit Leben und frisch gezapften Bier füllen. An dieser Schutzhütte wurden im Laufe der Zeit auf jeden Fall schon viele Bierchen gezischt / © Foto: Georg Berg
Auch Redakteurin Angela Berg ist großer Bierfan. In Irland ist sie passend zur Haarfarbe auf ein kühles Blondes gestoßen / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Auch Redakteurin Angela Berg ist großer Bierfan. In Irland ist sie passend zur Haarfarbe auf ein kühles Blondes gestoßen / © Foto: Georg Berg

 

 

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Angela Berg ist Ressortleiterin Food bei FrontRowSociety - The Magazine