Wer einen Hash-Tag bislang nur als Schlüsselbegriff im Internet kennt, muss in Grenada umdenken. Denn hier ist jeder Samstag ein Hash-Day. Mit Stil und Understatement findet irgendwo auf der Insel ein Volkslauf im Schnitzeljagd-Stil statt, bei dem man nichts gewinnen, aber viel erleben kann. Es geht durch Sümpfe, Bäche und Gewürzhaine, über Strände und durch abgelegene Siedlungen. Wie hart es wird, ist vorher nicht bekannt. Nur, dass es ab 15 Uhr irgendwann losgeht.

Der Grenada Hash ist auch deshalb reizvoll, weil man nicht ortskundig sein muss, um den unverfälschten Alltag abseits der Städte erleben zu können / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Der Grenada Hash ist auch deshalb reizvoll, weil man nicht ortskundig sein muss, um den unverfälschten Alltag abseits der Städte erleben zu können / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Drinkers with a Running Problem

Die Hash-Clubs haben ihren Ursprung in den britischen Kolonien, wo ihre Mitglieder vor ungefähr 80 Jahren durch ein wenig Bewegung die Saufgelage der abgelaufenen Woche neutralisieren wollten. An diesem Samstag erleben wir auf Grenada ein Jubiläum mit. Der 1.111 Lauf wird organisiert. Obwohl es sich dabei um eine Schnapszahl handelt, dreht sich auch diesmal wieder alles ums Bier – denn das Kultgetränk kennzeichnet weltweit jeden Hash. Vor und vor allem nach der schweißtreibenden Runde werden größere Mengen konsumiert, die gut gekühlt bereit stehen. Dafür hat der Beermeister zu sorgen – eines der wichtigsten Ämter der ehrenamtlichen Orgnisation.

Auf einem Sportplatz startet der 1111. Jubiläums-Hash. Am Hash-Cash (beim Kassenwart) trägt sich jeder in die Teilnehmerliste ein, zahlt einen Obolus und kann dort sogar seinen Autoschlüssel deponieren / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Auf einem Sportplatz startet der 1111. Jubiläums-Hash. Am Hash-Cash (beim Kassenwart) trägt sich jeder in die Teilnehmerliste ein, zahlt einen Obolus und kann dort sogar seinen Autoschlüssel deponieren / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

An der guten Stimmung ist zu merken, wie dankbar die Teilnehmer den Organisatoren sind. Jeden Samstag wird eine neue Strecke gefunden, abgesteckt und mit mehrdeutigen Wegzeichen versehen. Am Start- und Zielpunkt werden Parkplätze, Toiletten, eine Beschallungsanlage und natürlich der Getränkestand eingerichtet. Erst kurz vor dem Start wird im Internet der Treffpunkt angegeben und keiner wundert sich, dass am Startpunkt jeden Samstag um 15 Uhr hunderte Läufer und Wanderer eintrudeln. Viele kennen sich und empfangen auch die Neulinge mit ansteckend guter Laune.

Im schwarzen Jubiläums-T-Shirt erklärt das Hash-Mouth die Regeln und einige Besonderheiten der heutigen Strecke / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Im schwarzen Jubiläums-T-Shirt erklärt das Hash-Mouth die Regeln und einige Besonderheiten der heutigen Strecke / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

In der kurzen Ansprache (Chalk-Talk) vor dem Lauf werden die Markierungszeichen erklärt. Schließlich sollen alle wissen, woran man den richtigen Weg, eine Sackgasse oder auch eine Stelle mit mehreren Optionen erkennt. Wenn die Fährten von den Hares (Hasen) gut gelegt sind, verlaufen sich die Schnellsten und geben, bis sie den richtigen Pfad gefunden haben, den Verfolgern eine Chance, die ohne Umweg auf der richtigen Strecke bleiben.

Papierschnitzel aus dem Reiswolf markieren die Spur, auch wenn kein Weg zu erkennen ist. Aber was bedeutet dieses Zeichen? / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Papierschnitzel aus dem Reiswolf markieren die Spur, auch wenn kein Weg zu erkennen ist. Aber was bedeutet dieses Zeichen? / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Das Organisationsteam heißt offiziell Mismanagement

Die Grundregeln des Hash gelten weltweit und sind auf englisch überliefert. Sie sind der Inbegriff von Understatement. Die Aufgabenverteilung mag zwar streng geregelt sein. Egal ist aber, wie sie umgesetzt wird. Sinn ist schließlich, dass bei jeder Veranstaltung die Teilnehmer Spaß und die Organisatoren so wenig Arbeit wie möglich haben.

Über Stock und Stein geht es, durch Bäche und matschige Böschungen hinauf. Schon kurz nach dem Start haben sich die Läufer von den Wanderern abgesetzt / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Über Stock und Stein geht es, durch Bäche und matschige Böschungen hinauf. Schon kurz nach dem Start haben sich die Läufer von den Wanderern abgesetzt / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Das Mismanagement (so heißt traditionell jedes Team, das Hash-Veranstaltungen organisiert) ist hierarchisch strukturiert. Aber schon die Bezeichnung deutet eine Minimalorganisation bei großem Interpretationsspielraum an. Sehr geschätzt werden originelle Persönlichkeiten. Deshalb wundert es nicht, dass während der Veranstaltung der so genannte Religious Advisor die wichtigste Mismanagement-Rolle hat. Da immer unvorhergesehe Ereignisse auftreten, ist vor allem Improvisationstalent und Überzeugungsfähigkeit gefragt. Jede Predigt gipfelt grundsätzlich darin, dass alles was scheinbar nicht funktioniert, in Wirklichkeit Teil eines noch viel größeren Plans ist. Fast wie der heilige Franziskus wird auch der Religious Advisor sogar von Tieren verstanden, die ihren Lebensraum mit den Hashern teilen müssen.

Krabben haben sich im Waldboden eingegraben, um vor den Hashern in Sicherheit zu sein. Man sieht nur ihre Löcher / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Krabben haben sich im Waldboden eingegraben, um sich vor den Hashern in Sicherheit zu bringen. Man sieht nur ihre Löcher / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Der Jargon des Hash ist international

“On-on” ist nicht nur das meistgehörte Wort an diesem Samstag, es kommt auch im fußförmigen Hash-Logo vor. “On-on” sagt jeder, der auf dem richtigen Weg ist. Es ist die positive Antwortmöglichkeit auf die Frage, “are-you?”. “On-back” antwortet dagegen der, der aus einer Sackgasse zurückkommt und “on-lost” bedeutet absolute Verirrung.

Die Teilnahme ist aber auch für Ungeübte nicht schwer. Keinen Fehler macht, wer die anderen Hasher im Auge behält und sich der Mehrheit anschließt.

Nach einem kurze Stück am Strand entlang muss der richtige Track in den Wald gefunden werden / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Nach einem kurze Stück am Strand entlang muss wieder der richtige Track in den Wald gefunden werden / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Am Ende eines Trails müssen nicht nur die Schuhe in die Reinigung / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Am Ende eines Trails müssen zumindest die Schuhe in die Reinigung / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Grenadas Land und Leute zu Fuß erleben

So vielfältig die Landschaft Grenadas auch ist, Weideland sucht man hier vergeblich. Entsprechend sind Kühe und Schafe eine Seltenheit. Auch Milchprodukte muss die Insel einführen. Aber die Teilnehmer am Hash Event bekommen sogar eine der wenigen Kühe zu Gesicht. Hunde, Hühner und Ziegen sind dagegen recht häufig.

Die Kuh hätt lieber ihre Ruh / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Die Kuh hätt lieber ihre Ruh / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Für Jung und Alt ist das Defilee der Hasher eine willkommene Abwechslung; zumal man sich beim Bier immer versteht / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Für Jung und Alt ist das Defilee der Hasher eine willkommene Abwechslung; zumal man sich beim Bier immer versteht / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Lollies überzeugen auch die schüchternsten Zuschauer / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Lollies überzeugen auch die schüchternsten Zuschauer / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Das Leben findet zum größten Teil im Freien statt / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Das Leben findet zum größten Teil im Freien statt / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Ziegen finden auf Grenada das beste Futter weil das Land fruchtbar ist und genug Regen fällt. Übrigens sind Gerichte mit Ziegenfleisch auf der Insel eine kulinarische Delikatesse / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Ziegen finden auf Grenada das beste Futter, weil das Land fruchtbar ist und genug Regen fällt. Übrigens sind Gerichte mit Ziegenfleisch auf der Insel eine kulinarische Delikatesse / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Auch das Federvieh läuft frei herum / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Auch das Federvieh läuft frei herum / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Ungeklärt bleibt, ob der Bierkasten schon bewacht war, als ihn die ersten Hasher zu Gesicht bekamen / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Ungeklärt bleibt, ob der Bierkasten schon bewacht war, als ihn die ersten Hasher zu Gesicht bekamen / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
On-on. Die Markierungen des richtigen Trails sind in der üppigen Vegetation nicht immer leicht zu finden / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
On-on. Die Markierungen des richtigen Trails sind in der üppigen Vegetation nicht immer leicht zu finden / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Ausklang beim Bier

Nach ca. zwei Stunden hat auch der Letzte die 8 Kilometer-Runde geschafft und kann das Lebenselexier aller Hash-Enthusiasten genießen. Virgins (die, die zum ersten Mal teilgenommen haben) werden zusätzlich mit einer zünftigen Bierdusche getauft.

Auch Cricket-Mannschaften (im Hintergrund) feiern gerne mit, wenn die Hash House Harriers ihr Lebenselixier ausschenken / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Auch Cricket-Mannschaften (im Hintergrund) feiern gerne mit, wenn die Hash House Harriers ihr Lebenselixier ausschenken / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Geheimtipp: Gottesdienst mit Gospelsound

Die überwiegend christliche Bevölkerung Grenadas besucht sonntags den Gottesdienst in einer der vielen Religionsgemeinschaften. Ein Kirchenbesuch verrät viel über die Mentalität der Bevölkerung. In der Grand Anse Baptisten-Gemeinde haben wir uns uns als Fremde sofort herzlich willkommen gefühlt.

Im religiösen Gespräch vor dem Gottesdienst werden moralische Aspekte des Alltags diskutiert. Im Unterschied zu einer Predigt oder dem „Wort zum Sonntag“, kann sich jeder auf Augenhöhe einbringen / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Im religiösen Gespräch vor dem Gottesdienst werden moralische Aspekte des Alltags diskutiert. Im Unterschied zu einer Predigt oder dem „Wort zum Sonntag“, kann sich jeder auf Augenhöhe einbringen / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Schon das religiöse Gespräch vor dem Gottesdienst, das von Gemeindemitgliedern moderiert wird und vor allem der enthusiastische Gospel-Gesang während des Gottesdienstes hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Die Songtexte stehen auf großen Monitoren und jeder kann im Karaoke-Stil mitsingen.

Der Gesang schafft ein Gemeinschaftserlebnis. Viele kommen mit einem Instrument in den Gottesdienst / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Der Gesang schafft ein Gemeinschaftserlebnis. Viele kommen mit einem Instrument in den Gottesdienst / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Die Gospel-Musik bietet Raum für Kontemplation und religiöse Extase / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Die Gospel-Musik bietet Raum für Kontemplation und religiöse Extase / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
In festlicher Stimmung bleibt genügend Zeit, um Bekanntschaften zu pflegen / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
In festlicher Stimmung bleibt genügend Zeit, um Bekanntschaften zu pflegen / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Videosequenz

Sogar Kreuzfahrt-Passagieren kann man diese beiden typischen Events empfehlen, sollten sie mal an einem Wochenende Grenada ansteuern. Allerdings sollte sonntags für das Mittagessen unbedingt ein Tisch reserviert werden. Denn im Restaurant haben wir viele Menschen wiedergetroffen, mit denen wir eben noch zusammen gesungen haben.