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Heute bin ich immer noch überrascht, eine der besten Reiseinspirationen während meiner Schulzeit bekommen zu haben. Die überaus strenge Französischlehrerin überraschte uns einmal mit ihrem Enthusiasmus, als sie ihr Reiseerlebnis vor der Klasse schilderte. Aus diesem Grund schlugen wir einige Jahre später in dem magischen Ort Saintes-Maries-de-la-Mer auf dem zugigen Campingplatz La Brise unser Zelt auf. Um nichts zu verpassen, waren wir schon Mitte Mai in die Camargue gereist.

Das Dach der Kirche Notre Dame des Saintes Maries steht Besuchern offen / © Foto: Georg Berg
Das Dach der Kirche Notre Dame des Saintes Maries steht Besuchern offen / © Georg Berg

Im Lauf einer Woche ändert das verschlafene südfranzösische Dorf seinen Charakter komplett. Bei unserer Ankunft ist der Alltag in der Camargue noch beschaulich. Auf den Terrassen der Bistros finden die wenigen Touristen noch leicht einen Tisch und Hippies das Sitzen auf dem Boden besonders progressiv. Diese Atmosphäre ist typisch für das Jahr 1978.

Gute Freunde, Wein, Zigaretten der Marke Gitanes, Käse und ein Baguette. Mehr braucht es für einen Ausflug ins Nomadenleben nicht / © Foto: Georg Berg
Gute Freunde, Wein, Zigaretten der Marke Gitanes, Käse und ein Baguette. Mehr braucht es für einen Ausflug ins Nomadenleben nicht / © Georg Berg

Willkommener Ausnahmezustand mit Tradition

Vom Dach der Wehr-Kirche Notre-Dame-des-Saintes-Maries lassen wir den Blick über das weite Mündungsdelta der Rhone schweifen. Eine stetige Bewegung am Horizont stellt sich als endlose Karawane von Wohnwagen heraus. Die nehmen bald jede ungenutzte Fläche im Dorf ein.

Immer im Mai erhöht sich die Einwohnerzahl von Saintes-Maries-de-la-Mer um mehr als das Zehnfache. Hinter den unzähligen auf der Straße zu Wagenburgen aufgestellten Wohnwagen der angereisten Roma-Familien fallen die festen Häuser in der 2.000 Seelengemeinde bald kaum mehr auf. Bis heute kann ich mir keine optimalere Nutzung des zur Verfügung stehenden Platzes und kein besseres Zusammenleben verschiedener Kulturen vorstellen.

Ein aus mehreren Familien bestehender Clan hat sich auf einem Parkplatz gemeinsam eingerichtet / © Foto: Georg Berg
Ein aus mehreren Familien bestehender Clan hat sich auf einem Parkplatz gemeinsam eingerichtet / © Georg Berg
Der familiäre Zusammenhalt ist wichtiger als alle materiellen Güter / © Foto: Georg Berg
Der familiäre Zusammenhalt ist wichtiger als alle materiellen Güter / © Georg Berg
Friedliches Miteinander ist in Saintes-Maries-de-la-Mer seit Jahren Brauch / © Foto: Georg Berg
Friedliches Miteinander ist in Saintes-Maries-de-la-Mer seit Jahren Brauch / © Georg Berg

Neuankömmlinge werden mit großem Hallo begrüßt und dann ohne viel Aufhebens auf ihren Platz eingewunken. Flamenco-Musik unterstreicht die heiter gelöste Atmosphäre. Aber es findet weder ein Konzert statt, noch ist für uns Außenstehende irgend ein System erkennbar. Gitarristen hasten rastlos durch die Straßen und ohne erkennbare Ansage stimmt plötzlich eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe einen der Flamenco-Klassiker an.

Die Musik als gemeinsames Kulturgut verbindet die Generationen und lässt Erinnerungen wach werden / © Foto: Georg Berg
Die Musik als gemeinsames Kulturgut verbindet die Generationen und lässt Erinnerungen wach werden / © Georg Berg

Religiöser Ursprung

Mit dem nach Folco de Baroncelli-Javon benannten Museum ehrt Saintes-Maries-de-la-Mer den Marquis, der die Tradition der Camargue und der berittenen Gardians begründet hat / © Foto: Georg Berg
Museum Baroncelli / © Georg Berg

Erst 1935 ist die Prozession in Saintes-Maries-de-la-Mer von Folco de Baroncelli-Javon in der zur Tradition gewordenen Form begründet worden. Seit diesem Jahr sind die Roma bei dem Fest nicht nur geduldet, sondern nehmen eine tragende Rolle ein.

Die Heiligen Marien sind der Legende nach über das Meer hierhin gekommen und die aus Ägypten stammende schwarze Sara soll sie dabei als Dienerin begleitet haben. Da sich die Roma in der Camargue Gitanos (die aus Ägypten) nennen, verehren sie die Schwarze Sara als ihre Heilige.

Mit dem nach ihm benannten Museum ehrt Saintes-Maries-de-la-Mer den Marquis, der die Tradition der Camargue und der berittenen Gardians begründet hat.

Gitanos nennen die Roma der Camargue sich selbst

Der für die Camargue typische Flamenco wird auch Flamenco Gitano genannt. Er betont die romantische Sehnsucht mehr als die Schwermut des gebrochenen Herzens. Freunde des klassischen Flamenco empfinden ihn eher als schnulzig. Auf unserer Reise sind wir den prägenden Figuren für diesem Musikstil begegnet.

Vom Flamenco-Musiker Manolo Bissiere ist der Spruch überliefert, mit dem er nie seine Heimat verlassen hat: „Flugzeuge sind für Vögel und Boote für Fische. Aber ich gehe dahin, wohin mich meine Füße tragen, um sicher zu sein, dass ich wieder zurückkomme“ / © Foto: Georg Berg
Vom Flamenco-Musiker Manolo Bissiere ist der Spruch überliefert, mit dem er nie seine Heimat verlassen hat: „Flugzeuge sind für Vögel und Boote für Fische. Aber ich gehe dahin, wohin mich meine Füße tragen, um sicher zu sein, dass ich wieder zurückkomme“ / © Georg Berg

Manolo Bissiere war für seine Musik weltberühmt, hat aber 1965 ein Konzert in der Carnegie Hall von New York abgelehnt. Für ihn ist damals Ricardo Baliardo, besser bekannt unter dem Künstlernamen Manitas de Plata (Händchen aus Silber) eingesprungen, der in den folgenden Jahren mehrmals auf Welttournee war.

Manitas de Plata zieht auch in seinem privaten Umfeld alle mediale Aufmerksamkeit auf sich / © Foto: Georg Berg
Manitas de Plata zieht auch in seinem privaten Umfeld alle mediale Aufmerksamkeit auf sich / © Georg Berg

Jedes Jahr treffen sich Ende Mai viele Romafamilien im kleinen südfranzösischen Ort Saintes-Maries-de-la-Mer. In den Tagen, bevor die beiden Marienfiguren und die Schwarze Sara zum Strand getragen werden, wird viel musiziert. Davon handelt die Ausgabe des WDR-Folkloreatlasses von 1981. Eine Sendung von Georg Berg

Die Marienfiguren in der Krypta

Die geheimnisvolle Schwarze Sara / © Foto: Georg Berg
© FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Der Legende nach sind im Jahr 40 nach Christi Maria Magdalena, Maria Salome von Galiläa und Maria des Kleophas mit einem Schiff nach Südfrankreich gekommen. Heute ist der ständige Platz der Marienfiguren unter dem Altarbereich in der Krypta der Kirche Notre-Dame-des-Saintes-Maries, wo hunderte Kerzen für enorme Hitze sorgen.

Aber es ist vor allem deren Dienerin, die schwarze Sara, die von Roma-Familien als Schutzheilige verehrt wird.

Ihr Aussehen ändert sich ständig, denn immer wieder aufs neue bekommt sie selbst genähte Gewänder umgehängt.

Hunderte Kerzen erleuchten und erhitzen die Krypta der Kirche Notre-Dame-des-Saintes-Maries / © Foto: Georg Berg
Hunderte Kerzen erleuchten und erhitzen die Krypta der Kirche Notre-Dame-des-Saintes-Maries / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Wallfahrt zum Strand

Begleitet von berittenen Gardians, den Cowboys der Camargue, werden jedes Jahr am 24. Mai die heiligen Marienstatuen durch das Dorf Saintes-Maries-de-la-Mer bis zum Strand getragen / © Foto: Georg Berg
Begleitet von berittenen Gardians, den Cowboys der Camargue, werden jedes Jahr am 24. Mai die heiligen Marienstatuen durch das Dorf Saintes-Maries-de-la-Mer bis zum Strand getragen / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Tausendfach erschallen die Rufe: "Vive Sainte Sara" auf der Prozession durch die Stadt bis zum Strand / © Foto: Georg Berg
Tausendfach erschallen die Rufe: „Vive Sainte Sara“ auf der Prozession durch die Stadt bis zum Strand / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Die Gardians auf ihren Pferden bilden im Meer einen Halbkreis, in dem die Heiligenfiguren bis ins Wasser getragen werden / © Foto: Georg Berg
Die Gardians auf ihren Pferden bilden im Meer einen Halbkreis, in dem die Heiligenfiguren bis ins Wasser getragen werden / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
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Georg Berg ist Chefreporter bei FrontRowSociety - The Magazine