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Gabriella Monfredini ist Gastgeberin von Swiss Tavolata, bei der Landfrauen und Landmänner echte Schweizer Küche vom eigenen Hof, aus dem eigenen Garten oder wie in Gabriella’s Fall Fische aus dem Heimatsee servieren. Im Luganer See schwimmen Forellen, Hechte, Schleien, Döbel und viele andere Fische. Gabriella Monfredini hat ihr ganzes Leben an und auf dem Luganer See verbracht. Sie ist in Melide groß geworden. Schon ihre Mutter fischte für ihr Leben gern und nahm sie oft mit raus auf den See.

Auf dem See zuhause. Gabriela Monfredini ist Gastgeberin bei Swiss Tavolata und fährt leidenschaftlich gerne mit ihrem Boot raus auf den See / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Auf dem See zuhause. Gabriella Monfredini ist Gastgeberin bei Swiss Tavolata und fährt leidenschaftlich gerne mit ihrem Boot raus auf den See / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Als Jugendliche schnappte sie sich regelmäßig das Boot ihres Vaters. Später arbeitete sie bei der Schifffahrtsgesellschaft Luganer See und sprach als Guide die Ansagen zu den Haltestellen und Sehenswürdigkeiten. Dann wurde ihr Job von einem Tonband übernommen. Gabriella war tatsächlich die letzte Live-Ansagerin an Bord, bevor die Tonspur sie ersetzte. 2015 erfüllte sie sich einen Traum. Die alte Cantine am Ortsrand von Melide hat sie zu einem kulinarischen Treffpunkt umgestaltet. Dort wo die Dorfbewohner früher Käse, Wurst und Fisch lagerten, kocht sie seitdem für Gruppen bis zu 20 Personen landestypische, teils vergessene Fischgerichte.

Die Cantine von Gabriela Monfredini in Melide. In den Kellerräumen des ehemaligen Naturkellers sind heute eine Küche und ein Speiseraum mit langer Tafel untergebracht / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Die Cantine von Gabriella Monfredini in Melide. In den Kellerräumen des ehemaligen Naturkellers sind heute eine Küche und ein Speiseraum mit langer Tafel untergebracht / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Gabriella, die uns vor ihrer Cantine begrüsst, mochte als Kind gar keinen Fisch. Bis sie einen von der Großmutter nach venezianischer Art zubereiteten Hecht probierte. Die magische Küche der Großmütter, sie hat die Berufung so vieler Köche beflügelt. Ein Essen bei Gabriella ist nicht nur kulinarisch, sondern auch atmosphärisch ein besonderes Erlebnis. Die alte Cantine hat eine für diese historischen Keller sehr seltene Kuppeldecke und verleiht der langen Tafel etwas Feierliches. Im hinteren Teil des Raumes, dort wo früher die kühle Luft des Berges mit einer Temperatur zwischen acht und zwölf Grad aus der Felswand strömte, steht heute ein Kaminofen. Für die neue Nutzung musste Gabriella den natürlichen Kühlschrank in sein Gegenteil verkehren, damit ihre Gäste keine kalten Füße bekommen.

Gabriela in der Küche. Geradezu galaktisch schweben große Töpfe und Pfannen am Kellerfirmament / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Gabriella in der Küche. Geradezu galaktisch schweben große Töpfe und Pfannen am Kellerfirmament / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

In Gummistiefeln steht Gabriella in der Küche und bereitet den Aperitif zu. Eine ganze Galaxie an Töpfen und Pfannen kreist direkt unterhalb der alten Kuppeldecke. Zur Begrüßung gibt es kleine Fischfrikadellen und als Erfrischung ein typisches Sommergetränk. An heißen Tagen mischt man einen einfachen Landwein mit Limonade. Damit dieses Mischgetränk schmeckt, muss es, so vermute ich, draußen sehr heiß sein. Aber das Vermitteln der Traditionen steht bei Gabriella ganz oben und so wollte sie uns auch diesen Sommertrank nicht vorenthalten.

Zur Begrüßung gibt es kleine Fischfrikadellen und ein typisches Sommergetränk. Aus kleinen Keramikkrügen wird einfacher Weisswein gemischt mit Limonade serviert / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Zur Begrüßung gibt es kleine Fischfrikadellen und ein typisches Sommergetränk. Aus kleinen Keramikkrügen wird einfacher Weisswein gemischt mit Limonade serviert / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Das ganze Fischersmahl steht im Zeichen fast vergessener Fischgerichte. Während Gabriella ein Gericht nach dem anderen auf den großen Tisch stellt, erzählt sie von Melide. Praktisch die ganze Straße besteht aus alten Cantinen, alle waren einmal Naturkeller, manche wurden zu Garagen, andere bekamen ein Stockwerk drauf gesetzt. So hat auch Gabriella eine kleine Ferienwohnung auf die alte Familiencantine bauen lassen. Die Feier zum Schutzpatron von Melide wurde stets draußen an den Cantinen abgehalten. Schließlich war der Fisch immer schon hier und wurde frisch vor Ort zubereitet.

Gabriela serviert viele teils in Vergessenheit geratene Fischgerichte. Die meisten Fische stammen aus dem Luganer See / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Gabriella serviert viele teils in Vergessenheit geratene Fischgerichte. Die meisten Fische stammen aus dem Luganer See / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Es gibt eine Fischsuppe mit so vielen Kräutern aus dem eigenen Garten, dass sie ganz grün aussieht und sehr erfrischend schmeckt. Zu allen Fischen, ob fettig oder mager, wird als typische Sommerbeilage ein bitterer Salat gereicht. Dazu eine Brühe gekocht aus Kopf und Gräten der filletierten Fische und mit Fischfleisch vom Egli. Es gibt Schleie in Carpione mit Zitrone, Öl und vielen Kräutern. Ein traditionelles Gericht, das zum Fest des Schutzpatron von Melide zubereitet wird. Auch eine Lachsforelle mit Bohnen und Rosinen wird serviert. Es gibt gekochte Eier garniert mit Seekaviar von der Forelle. Dazu geröstete weisse Polenta. Diese passt gut zum Fisch und erinnert Gabriella immer an ihre Großmutter aus Venedig. Ein weiterer Fisch aus dem Lago Lugano kommt geräuchert daher. Es ist Tinka, zu deutsch Schleie, garniert mit viel Petersilie. Typisch für die Region ist auch der Maifisch, ein fetter Fisch, den man bereits gesalzen und luftgetrocknet beim Fischhändler kauft und dann in Bogia, in einem großen Topf zubereitet.

Kurs auf den Anleger. Gabriella und ihr rosa Motorboot. Vom See aus betrachtet sieht die Welt ganz anders aus / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Kurs auf den Anleger. Gabriella und ihr rosa Motorboot. Vom See aus betrachtet sieht die Welt ganz anders aus / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Nach dem üppigen Fischersmahl geht es raus auf den See. Gabriela erzählt, dass es den Maifisch, den wir gerade gegessen haben, nur noch im Comer See gibt. Die Fischbestände haben sich über die Jahre verändert. In den 1970er Jahren gab es beispielsweise viele Aborellen, kleine Süßwasserfische. Heute sind sie fast verschwunden. Bei Campione gibt es viele Karpfen und dort wo Schilf steht, fühlt sich der Hecht ganz wohl. Der Egli wiederum ist nur zu bestimmen Zeiten zu fischen. Es gibt Fischer, die mit Netzen arbeiten, andere mit Angel und Köder. Die kleine Aborelle wird mit der Angel gefischt.

Gabriella erzählt Geschichten vom See. Mal braust sie über das Wasser. Dann plötzlich wird das Tempo gedrosselt und eine Geschichte erzählt / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Gabriella erzählt Geschichten vom See. Mal braust sie über das Wasser. Dann plötzlich wird das Tempo gedrosselt und eine Geschichte erzählt / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Am Luganer See gibt es keine Berufsfischer mehr. Die Leute, so erzählt Gabriella, hatten ihren eigenen Seefisch fast vergessen. Ab den 1950er Jahren wurde immer mehr Meeresfisch bis in die Orte am Luganer See geliefert. So gerieten der eigene Fisch aus dem See und mit ihm seine Zubereitung in Vergessenheit. 1980 dann gab die letzte Fischerei in Bissone auf. Dieser Fischhändler zog noch mit einem Verkaufswagen von Dorf zu Dorf. Heute kommt der heimische Seefisch langsam in die Restaurants zurück. In einem Frito Misto oder einem Tagesgericht findet man dann auch Fische aus dem Luganer See.

Vom Wasser aus betrachtet: Die Kirche Santa Maria del Sasso von Morcote, darunter die historische Altstadt. Viele kleine Restaurants säumen die Uferpromenade / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Vom Wasser aus betrachtet: Die Kirche Santa Maria del Sasso von Morcote, darunter die historische Altstadt. Viele kleine Restaurants säumen die Uferpromenade / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Gabriella rudert auch für ihr Leben gern. So half sie früher den Fischern beim Fischfang. Heute besitzt sie selber ein Boot. Bestimmt bin ich nicht die erste, die sie auf das rosa Innenleben ihres Motorbootes anspricht. Warum rosa? Sie lacht! Das Boot hat sie einer Freundin abgekauft und sie erinnert sich, wie sie selbst noch diese Freundin vor der Anschaffung gewarnt hatte. Kein Fischer auf diesem Planeten wird dir ein rosa Boot abkaufen, solltest du es einmal wieder loswerden wollen. Die Freundin hielt an ihrem Traum in Rosa fest. Und als Jahre später Gabriella ein Boot suchte, machte ihr die Freundin ein unschlagbares Angebot.

In Morcote liegt auch der Parco Scherer. Ein Skulpturenpark und botanischer Garten. Hier fast in Ufernähe steht ein zugewachsender Vogelturm. Heute eine Skulptur der besonderen Art, die an den Fang der Singvögel im Tessin erinnert / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
In Morcote liegt auch der Parco Scherer. Ein Skulpturenpark und botanischer Garten. Hier fast in Ufernähe steht ein zugewachsener Vogelturm. Heute eine Skulptur der besonderen Art, die an den Fang der Singvögel im Tessin erinnert / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Von Morcote aus fahren wir noch rüber an das andere Seeufer. Wie wunderbar schnell lassen sich auf dem Wasserweg alle Orte am See erreichen. Der Wind weht ins Gesicht und rechts und links fliegen die schönsten Uferpassagen an einem vorbei. Ein tolles Transportmittel – egal in welcher Farbe.

Wähend man vom Luganer See nur die Skulptur eines alten Vogelturms sehen kann, gibt es im nahegelegenen Muggiotal intakte Vogeltürme zu besichtigen. Sie liegen mitten in der hügeligen Landschaft. Hier geht es zur Reportage über das Muggio-Tal, seine alte Kulturlandschaft und die Geschichte der Roccoli, der Vogeltürme.

Während Gabriella Monfredini ihre alte Familien-Cantine in ein kleines Restaurant umwandelte, gibt es im Muggiotal auch Cantinen, in denen noch Lebensmittel lagern. Im kleinen Dorf Salorino reift der Zincarlin, eine Käsespezialität aus dem Muggiotal

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