Vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert suchten neben den Gästen des aufstrebenden Bürgertums auch viele Prominente aus Adel und Gesellschaft Erholung und gesundheitliche Stärkung durch die mineralstoffreichen Quellen von Bad Kissingen. Fürst Otto von Bismarck, von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reichs, verbrachte ganze 66 Wochen seines Lebens in der Kurstadt. Er führte seine Amtsgeschäfte aus der Kur heraus, empfing politische Gäste und erließ sogar das nach der Kurstadt benannte Kissinger Diktat. So ernst wie Bismarck das Regieren nahm, so intensiv nutzte er auch die verschiedenen Möglichkeiten der äußeren und inneren Anwendung der Heilquellen mittels Trinkkur, Solebad und Inhalation.

Der Rosengarten mit Wasserspiel im Zentrum von Bad Kissingen. Die Gärten und Parks sind prägend für das Stadtbild einer Kurstadt. Bad Kissingen kommt auf 110 km Promenaden- und Wanderwege. Direkt am Rosengarten ereignete sich 1874 das Attentat auf Otto von Bismarck, durch das er schlagartig in ganz Europa bekannt wurde / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Der Rosengarten mit Wasserspiel im Zentrum von Bad Kissingen. Die Gärten und Parks sind prägend für das Stadtbild einer Kurstadt. Bad Kissingen kommt auf 110 km Promenaden- und Wanderwege. Direkt am Rosengarten ereignete sich 1874 das Attentat auf Otto von Bismarck, durch das er schlagartig in ganz Europa bekannt wurde / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Das Bismarck-Attentat am Rosengarten

Gleich Bismarcks erster Aufenthalt in Bad Kissingen begann mit einem sprichwörtlichen Knall. Im Jahre 1874 wird während einer Droschkenfahrt Richtung Oberer Saline, zu der sich Bismarck jeden Morgen zur Inhalation fahren lässt, auf ihn geschossen. Da er Hand und Hut zum Gruß hebt, streift die Kugel ihn nur. Der Attentäter wird festgenommen. Der Kanzler bleibt gelassen. Er soll sich sogar, so erzählt es der Stadtführer Udo Dickhage, die Tatwaffe als Souvenir aus der Asservatenkammer hat geben lassen.

Ein hölzernes Hinweisschild und eine Plakette am Haus erinnern an den Ort des Bismarck-Attentats im Jahr 1874. In dem rosafarbenen Haus direkt am Rosengarten gelegen wohnte Bismarcks behandelnder Arzt. Am frühen Morgen brach Bismarck von dort Richtung Obere Saline zur Inhalation auf / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Ein hölzernes Hinweisschild und eine Plakette am Haus erinnern an den Ort des Bismarck-Attentats im Jahr 1874. In dem rosafarbenen Haus direkt am Rosengarten gelegen wohnte Bismarcks behandelnder Arzt. Am frühen Morgen brach Bismarck von dort Richtung Obere Saline zur Inhalation auf / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Wilhelminische Weight-Watcher

Doch zurück zum Kurleben des nicht nur politischen Schwergewichts Bismarck. Zwischen 1874 und 1890 war Otto von Bismarck 15 mal Kurgast in Bad Kissingen. Der Gesundheitszustand des Reichskanzlers stand während seiner Kuraufenthalte nicht nur unter der Beobachtung seines Arztes Ernst Schweninger. Das ganze Volk wollte teilhaben am Kuren und Diäten des populären Politikers. Der Kanzler trank und aß im Alltag in Berlin im Überfluss. Er liebte Fleisch und Pasteten und dies auch schon zum Frühstück. Bismarck wurde immer dicker und soll 1879 bei einer stattlichen Körpergröße von 1,90 Meter beeindruckende 247 Pfund gewogen haben.

“Eure Durchlaucht, nehmen Sie bitte Platz” könnte es geheißen haben, wenn Fürst Otto von Bismarck auf dem Wiege-Sessel seine Pfunde zählen ließ. Die sogenannte Bismarck-Waage steht noch heute in der original erhaltenen Bismarck-Wohnung im Museum Obere Saline in Bad Kissingen / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
“Eure Durchlaucht, nehmen Sie bitte Platz” könnte es geheißen haben, wenn Fürst Otto von Bismarck auf dem Wiege-Sessel seine Pfunde zählen ließ. Die sogenannte Bismarck-Waage steht noch heute in der original erhaltenen Bismarck-Wohnung im Museum Obere Saline in Bad Kissingen / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Bismarck-Speck und Bismarck-Waage

Das Wiegen von Bismarcks Körpergewicht wurde in Bad Kissingen zu einem öffentlichen Akt. Es gab eine eigens für ihn konstruierte Waage. Ein plüschiger Sessel, auf dem der Reichskanzler Platz nahm. Der Verlust von sogenanntem Bismarck-Speck während der Kuraufenthalte wurde zur landesweiten Schlagzeile. In seinen vielen Kur-Wochen in Bad Kissingen verlor Bismarck viel Speck. Leider waren viele der verlorenen Pfunde JoJo-Speck, den er sich zurück in Berlin bei den Regierungsgeschäften wieder drauf schaffte.

Bismarck logierte mit seiner Familie zwischen 1876 und 1893 in einer Wohnung in der Oberen Saline. Bis heute sind die Räume im originalen Zustand zu sehen. Die Ausstellung ist sehenswert und informativ. Darüber hinaus grenzt es fast an ein Wunder, dass Bismarcks Privaträume mit Inventar unversehrt mehr als ein Jahrhundert überdauert haben / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Bismarck logierte mit seiner Familie zwischen 1876 und 1893 in einer Wohnung in der Oberen Saline. Bis heute sind die Räume im originalen Zustand zu sehen. Die Ausstellung ist sehenswert und informativ. Darüber hinaus grenzt es fast an ein Wunder, dass Bismarcks Privaträume mit Inventar unversehrt mehr als ein Jahrhundert überdauert haben / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Otto von Bismarck war in jener Zeit sehr populär und die Verehrung für den Reichskanzler nahm mit seiner Entlassung durch Kaiser Wilhelm II im Jahre 1890 richtig Fahrt auf. Die ganze Republik nahm Anteil am Schicksal des Kanzlers ohne Amt. Zahlreiche Produkte aber auch Türme und Schiffe wurde als Präfix der Name Bismarck vorangestellt. Bis heute bekannt ist der von ihm so hoch gelobte saure Hering, der dann als Bismarck-Hering Karriere machte. Dieser Variante haftet auch ein Zitat Bismarcks an. So soll er gesagt haben: “Wenn Heringe genau so teuer wären wie Kaviar, würden ihn die Leute weitaus mehr schätzen.”

Inhalation am Gradierwerk und Sole-Bäder

Täglich fuhr Bismarck zum Gradierwerk an der Oberen Saline. Die Anlage diente in früheren Zeiten der Salzgewinnung. Eher zufällig wurde der positive Gesundheitseffekt, den das Einatmen der salzhaltigen Luft auf die Lunge hatte, entdeckt.

Beim Gradieren werden in der Sole enthaltenen Mineralien und Fremdkörper ausgeschwemmt. Diese setzen sich dann als Dornstein an den Reisigzweigen ab. Ungefähr sechs Wochen dauert die Gradierung von frischer Sole, die am Anfang der vier Stufen nur zwei Prozent Salz enthält. Durch ständiges Umwälzen und Verrieseln wird ein jeweils höherer Salzgrad erreicht. Am Ende enthält die sogenannte Gutsole einen Salzgehalt von 15 bis 20 Prozent. Erst mit dieser über das Gradierwerk gewonnenen Salzbrühe wurde mittels Siedeverfahren Salz gewonnen. Durch das stetige Verrieseln entlang der großen vertikalen Reisigflächen entwickelte sich die Zweitnutzung für den Kurbetrieb in Bad Kissing. Die Inhalation der salzhaltigen Luft kam einem Spaziergang am Meer gleich.

"Bitte tief Durchatmen" Die Dimensionen des alten Gradierwerks können Besucher noch heute an den Grundmauern erahnen. Ein Teilstück ist rekonstruiert worden und in Betrieb. Mit dem Rad, dem Dampfschiff oder auch zu Fuß ist lohnt sich ein Besuch am Gradierwerk, das für die Besucher frei zugänglich ist / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
“Bitte tief Durchatmen” Die Dimensionen des alten Gradierwerks können Besucher noch heute an den Grundmauern erahnen. Ein Teilstück ist rekonstruiert worden und in Betrieb. Mit dem Rad, dem Dampfschiff oder auch zu Fuß ist lohnt sich ein Besuch am Gradierwerk, das für die Besucher frei zugänglich ist / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Von den insgesamt sieben Heilquellen in Bad Kissingen werden drei für die äußere Anwendung genutzt. Heute gibt es im Kurort die KissSalis Therme, eine ganze Badelandschaft. Zu Zeiten von Otto von Bismarck sahen die Möglichkeiten der äußeren Anwendung noch etwas spartanischer aus.

Während der Eingangsbereich des ehemaligen Badehauses von Bad Kissingen eine wunderschöne Architektur und Opulenz ausstrahlt... / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Während der Eingangsbereich des ehemaligen Badehauses von Bad Kissingen eine wunderschöne Architektur und Opulenz ausstrahlt… / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
... gestaltete sich das Interieur der einzelnen Badekabine sehr schlicht und funktional / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
… gestaltete sich das Interieur der einzelnen Badekabine sehr schlicht und funktional / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Historische Stadtführung in Bad Kissingen

Bad Kissingens Liste prominenter Besucher ist lang. Fürst Otto von Bismarck nimmt in diesem Ranking sicherlich einen der vordersten Plätze ein. Für alle geschichtsinteressierten Besucher der Kurstadt ist eine Führung mit dem Stadtführer Udo Dickhage, der in die Rolle des Grand Portiers schlüpft, ein unterhaltsamer und informativer Einstieg in die Stadtgeschichte. Ob Romanows oder Wittelsbacher, die Kaiser, Könige und Fürsten dieser beiden Adelsgeschlechter gaben sich Jahr für Jahr ein hochrangiges Stelldichein.

Bei einer Stadtführung durch Bad Kissingen mit dem Grand Portier erfährt man viele historische Fakten. Im schönen Schmuckhof beginnt Udo Dickhage seine Tour und erzählt FrontRowSociety Redakteurin Angela Berg u.a. dass Theodor Fontane erstmals 1866 in der Rolle eines Kriegsberichterstatters nach Bad Kissingen kam / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Bei einer Stadtführung durch Bad Kissingen mit dem Grand Portier erfährt man viele historische Fakten. Im schönen Schmuckhof beginnt Udo Dickhage seine Tour und erzählt FrontRowSociety Redakteurin Angela Berg u.a. dass Theodor Fontane erstmals 1866 in der Rolle eines Kriegsberichterstatters nach Bad Kissingen kam / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Bad Kissingen bewirbt sich als Great Spa of Europe für das Unesco Weltkulturerbe
Kulinarisches Bad Kissingen