Die Felsmalereien im australischen Outback sind Werke der ältesten kontinuierlichen Kunsttradition der Welt. Viele Galerien im Norden Australiens sind noch gut erhalten, obwohl sie seit 20.000 Jahre den Elementen ausgesetzt sind. Sie erzeugen sowohl bei Aborigines, wie die Ureinwohner Australiens genannt werden, als auch bei internationalen Besuchern ein ehrfürchtiges Staunen. Und das, obwohl sie keinem europäisch geprägten Kunstbegriff unterzuordnen sind.

Ehrfürchtig betreten wir die riesige Höhle, in der seit zig Tausend Jahren Menschen wohnen und ihre Toten bestatten / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Ehrfürchtig betreten wir die riesige Höhle, in der seit zig Tausend Jahren Menschen wohnen und ihre Toten bestatten / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Aber der Reihe nach. Zur Natur von Felsmalereien gehört, dass sie nur an ihrem eigenen Ort erlebbar sind. Diese Orte sind abgelegen und entziehen sich der kuratorischen Aufbereitung. Manche sind so heilig, dass nicht jeder dort hingehen darf. Diese Einschränkung gilt sogar für die meisten Aborigines. Denn es gibt zahlreiche Stämme mit jeweils eigener Sprache und eigenem Kulturraum. Die Felsgalerien gehören zur Überlieferung der dort heimischen Volksstämme und prägen in den jeweiligen Gebieten ihre Identität. Sie sind nicht bloß als Werke zu verstehen, mit denen sich ein Künstler ausdrückt. Von manchen Zeichnungen wird sogar geglaubt, dass sie von Geistern erschaffen worden sind.

Thommo zeigt auf das Abbild eines Mimi Geistes. Dabei hält er ängstlich einen großen Abstand zu diesem Bild ein. Er ist sich sicher, ein Bild vor sich zu haben, dass nur von den Mimi-Spirits selbst gemalt worden sein kann / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Thommo zeigt auf das Abbild eines Mimi Geistes. Dabei hält er ängstlich einen großen Abstand zu diesem Bild ein. Er ist sich sicher, ein Bild vor sich zu haben, dass nur von den Mimi-Spirits selbst gemalt worden sein kann / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Der umgekehrte Eigentumsbegriff

In Australien werden Aborigines, die in ihren ursprünglichen Stammesgebieten leben, Traditional Owners genannt. Diese Wortwahl soll ihnen heute zwar den Respekt erweisen, der ihnen mit der britischen Kolonialisierung lange verwehrt geblieben ist. Der Begriff des Besitzes geht den Traditional Owners aber schon im Kern am Selbstverständnis vorbei. Denn in der tief verwurzelten Einstellung der Aborigines kann es an Land kein Eigentum geben. Es ist sogar umgekehrt: Die Bewohner gehören dem Land und von ihm wird ihr Leben wesentlich geprägt. Diese für die weiße Kultur schwer verständlichen Haltung ist auch im heutigen Australien immer noch spannungsgeladen.

Max Davidson (rechts) mit Big Charly, einem Familienvorstand der traditionellen Landeigentümer / © FrontRowSociety.net, Fotoreproduktion: Georg Berg
Der kürzlich verstorbene Outback-Pionier Max Davidson (rechts) mit Big Charly, einem Familienvorstand der traditionellen Landeigentümer / © FrontRowSociety.net, Fotoreproduktion: Georg Berg

Zutritt nur in Begleitung

Geführt von Sab Lord ist unsere kleine Gruppe tagelang durch die heiße Steppe auf den alten Traumpfaden gewandert, bis wir – jedes Mal wieder überrascht – eine weitere der alten Galerien erreicht haben.

Sab Lord zeigt auf das riesige Krokodil über dem Eingang zur einer großen Galerie / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Sab Lord zeigt auf das riesige Krokodil über dem Eingang zur einer großen Galerie / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Sab Lord hat die typisch rauhbeinige Art der weißen Pioniere. Uns Touristen setzt er deshalb von Anfang an enge Grenzen und das hat seinen Grund. Alle Felsgalerien liegen in Gebieten, in die man ohne Genehmigung und ohne dafür zugelassene Führer nicht einreisen darf. Das und auch die weiten Entfernungen haben sicherlich dazu beigetragen, dass es noch keinen nennenswerten Vandalismus gegeben hat. Wir haben gesehen, dass Faustkeile oder Mahlwerkzeuge zur Gewinnung der kostbaren Farbpigmente seit Jahrhunderten zur freien Verwendung in Felsnischen bereit liegen. Gerade diese Realität ist für Guides wie Sab Lord eine besondere Herausforderung. Schließlich genießt er das Vertrauen der Traditional Owners nur so lange, wie die von ihm geführten Touristen die kultischen Orte der Aborigines respektvoll betreten und im ursprünglichen Zustand hinterlassen. Peinlich genau achtet er darauf, dass nichts entwendet wird, keine Wände berührt und keine Fotos von Gebeinen gemacht werden, die offen in Felsspalten zur letzten Ruhe gebettet worden sind.

Ergonomisch geformter Faustkeil. Das Steinzeit-Handy liegt glücklicherweise wieder an seinem ursprünglichen Fundort. Ein amerikanischer Tourist hatte ihn vor ein paar Jahren mitgehen lassen. In Tasmanien ist er kurz darauf gestellt werden, weil Sab sich an die Reisepläne erinnert hat / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Ergonomisch geformter Faustkeil. Das Steinzeit-Handy liegt glücklicherweise wieder an seinem ursprünglichen Fundort. Ein amerikanischer Tourist hatte ihn vor ein paar Jahren mitgehen lassen. Im weit entfernten Tasmanien ist der Dieb kurz darauf von Sab gestellt worden, denn er hat sich sich an seine Reisepläne erinnert / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

“Blackfellas” nennen sie sich selbst

Mit der Lebensweise der Aborigines ist Sab Lord sehr vertraut, denn schon seine Kindheit hat er als Whitefella (white fellow = weißer Kerl) im Outback auf der Büffelfarm seiner Eltern zusammen mit gleichaltrigen Blackfellas verbracht. Unabhängig von der Zugehörigkeit zu einem Volksstamm werden diese Bezeichnungen nicht abwertend empfunden.

Gabriel (links), der Entscheidungsträger der Volksgemeinschaft aus Gumbalanya im Gespräch mit Sab Lord (rechts), der als Weißer auf der Ranch seines Vaters im Arnhemland aufgewachsen ist und heute als einer der bestinformiertesten Guides Reisegruppen durch die verschiedenen Stammesgebiete begleitet / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Gabriel (links), der Entscheidungsträger der Volksgemeinschaft aus Gumbalanya im Gespräch mit Sab Lord (rechts), der als Weißer auf der Ranch seines Vaters im Arnhemland aufgewachsen ist und heute als einer der bestinformiertesten Guides Reisegruppen durch die verschiedenen Stammesgebiete begleitet / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Grundlegende Missverständnisse

Die Lebenseinstellung der Blackfellas stößt im westlich geprägten Alltag auf viel Unverständnis. Damit auch unsere Leser nicht vorschnell die ins Auge springenden Äußerlichkeiten verurteilen, gibt es auf Bitten von Sab Lord auch keine Bilder aus der Wohnsiedlung. Die Häuser sind zwar nach allen handwerklichen Regeln Australiens gebaut. Aber da Aborigines vorwiegend unter freiem Himmel wohnen, dienen die Häuser eher als Abstellräume und wirken auf uns nicht besonders ansprechend.

Künstler lassen sich von den klassischen Felsmalereien zu ihren Bildern inspirieren. Der feine Pinsel besteht aus den Fasern einer Schraubenpalme / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Künstler lassen sich von den klassischen Felsmalereien zu ihren Bildern inspirieren. Der feine Pinsel besteht aus den Fasern einer Schraubenpalme / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Zauber der Felsmalereien schwer in Worte zu fassen

Die Kunst im Arnhemland ist so faszinierend, dass ich lange keinen Ansatz für eine angemessene Darstellung gefunden habe. Der Zauber, den die Felsmalereien auf mich ausgeübt haben, lässt sich immer noch schwer in Worte fassen. Kein Wunder, denn den Aborigines dienen sie bis heute als Unterstützung der mündlichen Überlieferung.

Im Lager, dass Sab Lord selbst betreibt, schläft man in fertig aufgebauten Steilwandzelten und das Kanguru-Geschnetzelte mit Gemüse wird vom Chef persönlich über dem offenen Feuer zubereitet. Gegessen wird dann stilvoll mit dem Besteck, das er von seiner Mutter geerbt hat / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Am Lagerfeuer mit Sab Lord verarbeiten wir die Eindrücke des Tages / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

In diesem Zusammenhang sollte ich meine Reisebegleiter Katja Bockwinkel, Rainer Heubeck und Cornelius Pollmer erwähnen. Sicher hat jeder von uns unterschiedliche Aspekte in Erinnerung behalten. Aber die gemeinsamen Versuche, das Gesehene zu verstehen und die Erinnerung an das Staunen der Anderen lässt mich mein weiter bestehendes eigenes Unverständnis leichter ertragen.

Geschichten werden ausführlich erzählt

Thommo, den einheimischen Führer, hat uns Sab Lord dadurch näher gebracht, dass er selbst nicht mitgekommen ist. Wir steigen auf in ein Felsmassiv, das sich auf englisch Long Tom Dreaming nennt. Zunächst fast schüchtern erzählt Thommo die uralten Geschichten und wir spüren hautnah, wie mündliche Überlieferung funktioniert. Die ausführlichen Erzählungen handeln vor allem von den Handlungsmotiven der abgebildeten Figuren, die dadurch lebendig werden und nicht näher beschrieben werden müssen.

Geschichten werden lebendig. Thommo an den Felsmalereien von Long Tom Dreaming / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg
Geschichten werden lebendig. Thommo an den Felsmalereien von Long Tom Dreaming / © FrontRowSociety.net, Foto: Georg Berg

Eindringlich hat Sab uns vorher als einzigen Rat mit auf den Weg gegeben, jede Frage höchstens zwei mal zu wiederholen. Wenn dann immer noch keine Antwort kommt, wird es wohl nicht an der sprachlichen Verständigung, sondern an den Geheimnissen liegen, die kein Fremder erfahren darf.

Ein Beispiel für transformativen Tourismus: Man kommt nachdenklich und als veränderter Mensch nach Hause.

Auf der FrontRowSociety-Reise, die durch Tourism NT unterstützt worden ist, sind mehrere Reportagen entstanden. Eine inhaltliche Einflussnahme ist damit nicht verbunden.